Die Mär von den allein selig machenden Krippenplätzen

Es könnte ein teurer Trugschluss sein, die tiefere Frauenquote in der Baselbieter Wirtschaft auf die Anzahl Krippenplätze zu reduzieren

Ganz abgesehen davon, dass es tatsächlich nicht einem Ideal entsprechen kann, die Kinder nach französischem Vorbild mit drei Jahren in einer Tageskrippe abzuliefern und zu vergessen, nur um sich fröhlich in die Reihe der 1,3 Millionen Menschen einzureihen, die sich an ihrem Schweizer Arbeitsplatz gestresst und ausgebrannt fühlen und darum die Volkswirtschaft 5,8 Milliarden Franken im Jahr kosten: Kann es sein, dass in Baselland gar nicht mehr Frauen arbeitstätig sein wollen? Aus welchen Gründen auch immer.

Bei einer Arbeitslosenquote von unter 3 Prozent liegt dieser Verdacht zumindest nahe. Kann es ferner sein, dass das zwanghafte Eröffnen von Kinderkrippen zwar zu Überkapazitäten und einem Verdrängungskampf wie zuletzt in Binningen führt, aber dass dadurch kaum mehr von jenen Frauen arbeiten gehen, die sich die Kinderbetreuung nicht auch anders organisieren könnten? Immerhin ist es kein Geringerer als KMU-Boss Christoph Buser, der in einem Radiointerview sagt, dass er aus Wirtschaftskreisen kaum je die Rückmeldung erhält, dass sich Frauen wegen der ungelösten Kinderbetreuung nicht für eine Stelle bewerben.

Um es klarzumachen: Wir reden hier nicht von der nach wie vor grassierenden schlechteren Bezahlung von gleich qualifizierten Frauen. Nicht davon, dass viel weniger Frauen als Männer in Kaderpositionen sitzen. Nicht davon, dass Frauen rentenmässig diskriminiert werden, die «nur» Arbeit in Heim und Hof leisten. Das alles sind eindeutige und beschämende Defizite unserer schweizerischen Arbeitswelt. Wir reden davon, dass sich Basel-Stadt mit der millionenschwer erkauften Krippendichte eine um sechs Prozentpünktli höhere weibliche Arbeitsquote erkauft, die genauso gut andere Ursachen haben könnte.

Das sind demnach sechs Prozentpünktli mehr arbeitstätige Frauen, die sich in die 71,7 Prozent unzufriedener Arbeitnehmenden einreihen.

Auf dem Land, da ist die Welt eben noch «in Ornig»

Das Familienoberhaupt geht arbeiten, während Muttchen zu Hause bleibt. Das Baselbiet lebt den Traum aller Wertkonservativen

Ach, Baselland. Manchmal machst Du es uns böswilligen Städtern fast zu einfach. Der drittletzte Rang, schweizweit, bei der Erwerbsquote der Frauen. Ernsthaft? Das ist bitter. Das heisst, es gibt Innerschweizer Kantone, Bergkantone, in denen mehr Frauen Erwerbsarbeit leisten. Irgendwie passt es ja, versucht sich doch das Baselbiet, krampfhaft in Richtung 50er-Jahre zu entwickeln. Politisch, kulturell und jetzt natürlich auch noch in Sachen Geschlechterverhältnis.

Mami steht zu Hause am Herd, während der Herr Papa zur Arbeit fährt – vermutlich in die Stadt. Das ist doch wunderbar traditionell. Die Kinder dürfen Papi abends noch kurz bestaunen, dann gehts ab ins Bett. Und am Sonntag fahren wir ans Jodeltreffen hinteres Frenkental oder gondeln auf die Wasserfallen. Und bestaunen dort die Familien aus der Stadt, die hier die schöne Landschaft geniessen, nachdem sie die armen Kinder an zwei Wochentagen in die Krippe gesteckt haben und beide arbeiten gegangen sind. Um ihre egoistischen Lebensziele zu verfolgen. Oder eher, sie mussten beide arbeiten gehen, weil sie sonst die Krankenkassenprämien und Steuern nicht bezahlen können, die wegen der zentralörtlichen Leistungen so hoch sind, die die Stadt für die Bilderbuchfamilien auf dem Land erbringen muss.

Das klassische Rollendenken scheint auf dem Land staatlich gefördert zu werden. Sieht man sich die Grafiken im Gleichstellungsbericht an, stellt man fest: In Basel-Stadt ist die Dichte an Kinderkrippen schweizweit eine der höchsten. Im Baselbiet bewegt sie sich auf dem Niveau von Glarus und Appenzell Innerrhoden, am anderen Ende der Skala. Da muss frau ja fast zu Hause bleiben und aufpassen, dass die Kinder nicht die Einfamilienhaussiedlung auseinandernehmen. Oder sie in den Vorstadtpanzer vulgo SUV packen und mit ihnen ins Shoppingzentrum im nächsten Gewerbegebiet gondeln. Wenigstens diesbezüglich ist man im 21. Jahrhundert angelangt.