Kriminalitätsstatistik
Wieso gibt es jedes Jahr einen Medienhype um die Kriminalstatistik?

Alljährlich führt die Präsentation der neuen Zahlen zur Kriminalität zu einem Medienhype. Die Behörden sollen laufend und nicht wie bis anhin einmal jährlich über die Kriminalität informieren. Dies fordert die Leiterin des Statistischen Amts Basel-Stadt.

Valentin Kressler
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Einmal im Jahr im Fokus: Kripo-Chef Beat Voser bei der Präsentation der Kriminalstatistik.

Einmal im Jahr im Fokus: Kripo-Chef Beat Voser bei der Präsentation der Kriminalstatistik.

Kenneth Nars

Es ist ein jährlich wiederkehrendes Ritual: Die Basler Staatsanwaltschaft lädt zur Medienkonferenz über die Kriminalstatistik, die Medien stürzen sich auf das von Kripo-Chef Beat Voser präsentierte Zahlenmaterial und Sicherheitspolitiker überbieten sich mit Forderungen an die Regierung. Ein Ritual, das in der Regel folgenlos bleibt.

«Alle potenziell betroffen»

Madeleine Imhof, Leiterin des Statistischen Amts Basel-Stadt, hat eine einfache Erklärung dafür, weshalb die Kriminalstatistik stärker in der öffentlichen Wahrnehmung steht als die Statistiken über die meisten anderen Lebensbereiche. «Bei der Kriminalstatistik sind alle potenziell betroffen», sagt sie.

Ein weiterer Grund für das grosse Aufsehen ist, dass die Präsentation der nationalen und kantonalen Kriminalstatistiken gestaffelt erfolgt und damit zweimal hintereinander Futter für die Medien liefert. Die Basler Staatsanwaltschaft habe den Journalisten Zeit geben wollen, sich bereits mit den Zahlen des Bundes vertraut zu machen, damit sie gezielt Fragen stellen können, sagt der Erste Staatsanwalt Alberto Fabbri.

Diese Woche richtete sich der Fokus von Medien und Politik noch stärker auf die Kriminalstatistik als sonst. Die «Basler Zeitung» stimmte ihre Leser Tage vor der Präsentation mit einem Kommentar auf die Statistik ein, die «bz Basel» veröffentlichte am Montag Präventions-Tipps. Am Mittwoch, am Tag nach der Präsentation, widmeten die beiden Zeitungen dem Thema eine ganze Seite. Schon am Dienstag hatten sie breit darüber berichtet, nachdem das Bundesamt für Statistik am Montag die nationalen Resultate veröffentlichte. Von diesem Medienhype liessen sich auch die Parteien anstecken und meldeten sich noch früher und schriller zu Wort als sonst. Die SVP drohte bereits am Montag, mittels Volksinitiative eine weitere Aufstockung des Polizeikorps zu erzwingen, und forderte den Einsatz der Militärpolizei.

Baschi Dürr schweigt

Nur einer verweigerte sich hartnäckig: Baschi Dürr. Der neue FDP-Sicherheitsdirektor, seit sechzig Tagen schweigsamer Chef im Spiegelhof, will sich zur Kriminalstatistik nicht äussern. Dürr habe beschlossen, die ersten hundert Tage im Amt zu beanspruchen, um sich «ein Bild zu machen», sagt ein Sprecher. Kein Verständnis dafür hatte die «Tageswoche», die sogleich einen Fahndungsaufruf startete.

Dürrs Schweigen ist konsequent. Erst kürzlich hatte der Sicherheitsdirektor einen Entscheid seines Vorgängers Hanspeter Gass (FDP) rückgängig gemacht und der Staatsanwaltschaft die Hoheit über die Kriminalstatistik zurückgegeben. Hätte sich Dürr diese Woche dazu geäussert, wäre er dem Vorwurf ausgesetzt gewesen, widersprüchlich zu handeln. Nicht konsequent ist vor diesem Hintergrund allerdings, dass sich Dürr am Donnerstag auf «Telebasel» zur Vermummungsverbots-Initiative der Jungen SVP äusserte. Doch selbst SVP-Präsident Sebastian Frehner signalisiert Verständnis für Dürrs Schweigen bei der Kriminalstatistik. «Ich verstehe, dass er sich zuerst in die Dossiers einarbeiten will», sagt Frehner.

Die aktuell hohen Zahlen sind ein Grund, weshalb die Kriminalstatistik in diesem Jahr deutlich mehr Aufmerksamkeit erhält als früher. In Basel-Stadt haben die Delikte gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent zugenommen. Die Kriminalstatistik sei in der Öffentlichkeit zu lange kein wichtiges Thema gewesen, sagt der frühere Polizeikommandant Markus Mohler. «Nun nimmt die Kriminalitätsentwicklung Ausmasse an, die alle beschäftigen.»

Die «Basler Zeitung» hat das Terrain zudem geebnet, indem sie den Themenkomplex Kriminalität und Sicherheit seit den letztjährigen Erneuerungswahlen überdurchschnittlich stark bewirtschaftet. Seit August 2012 schreibt Markus Melzl, langjähriger früherer Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft, alle zwei Wochen in einer Kolumne über Kriminalität und Sicherheit. Melzl war Anfang 2012 nach 16 Jahren als Staatsanwaltschafts-Sprecher in Pension gegangen. Sein Seitenwechsel kam für viele überraschend. Bei seinem Abschied hatte er noch verlauten lassen, er werde sich «hüten, über das Themenfeld Polizei und Staatsanwaltschaft eine Meinung von mir zu geben». Genau das macht Melzl jetzt aber und trägt damit massgeblich dazu bei, dass Sicherheitsfragen in der Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert haben. Laut Fabbri hat Melzl die Staatsanwaltschaft über die Kolumne nicht in Kenntnis gesetzt. Mehr will er dazu nicht sagen. «Markus Melzl äussert sich jeweils als Privatperson.»

Mehrere Updates pro Jahr?

Imhof vom Statistischen Amt hat einen Lösungsansatz, um die stark aufgeheizte Diskussion auf eine transparentere Ebene zu stellen. «Statt die Kriminalstatistik jährlich zu präsentieren, könnte man die entsprechenden Kennzahlen regelmässig aktualisieren und der Öffentlichkeit via Internet laufend zugänglich machen», sagt sie. Dies macht ihr Amt, das bei der Kriminalstatistik nicht beteiligt ist, etwa bei der Bevölkerungsentwicklung oder den Logiernächten bereits. «Bei der Kriminalität stehen der Bevölkerung unter dem Jahr weniger Informationen zur Verfügung als in anderen Bereichen», sagt Imhof. Dies zu ändern und dafür die nötigen personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, sei aber ein «Entscheid der Politik».