Die Musik ist Ohrwurm pur. Das Märchen ist ein Blockbuster: Ein Prinz, der heiraten soll, flieht in den Wald und verliebt sich dort an einem See in eine Schwänin – oder besser, in eine Prinzessin, die vom Zauberer in einen Schwan verwandelt wurde. Walt Disney hat in den Neunzigerjahren aus dem Stoff eine Trilogie gemacht. Im Hollywood-Psychothriller «Black Swan» wurde der paranoide Stress einer Schwanentänzerin ausgeleuchtet. Auch etwas, wofür das Stück steht: Tanzkunst als militärischer Drill an der Ballettstange, kaputte Gelenke, unter Schmerzen erlittene Karrieren.

Wieso sollte ein Theater Tschaikowskys «Schwanensee» zum gefühlten 100. Mal auf den Spielplan setzen? Einer, der es wissen muss, ist Armin Kerber. Er ist Dramaturg für den «Schwanensee», der kommende Woche in Basel Premiere feiert (siehe Kasten). Kerber ist derzeit Interimsleiter des Kurtheaters Baden, hat in den Neunzigerjahren das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich geleitet, war Redaktor beim «Du», arbeitet als Dozent und Theaterjournalist und beschäftigt sich seit rund zehn Jahren intensiv mit Tanz und mit Theaterklassikern. Wir treffen ihn in der Kantine des Theaters, kurz bevor ein Video gedreht wird, das im Stück vorkommt.

Ein neuer Blick auf die Story

Erst muss mal geklärt werden, was ein Dramaturg eigentlich macht. «Ich bin eine Art Consultant», erklärt Kerber, «ein Berater, der versucht, das grosse Bild im Auge zu behalten. Ich überprüfe, ob wir dahin unterwegs sind, wo wir zu Beginn hin wollten.» Zudem habe er ein Auge auf die Figuren, versuche, sie mit dem unverstellten Blick des Publikums zu sehen.

Gerade im Tanz lege man heute viel mehr Wert auf die Figurenzeichnung als nur ausschliesslich auf die tänzerische Technik, erklärt Kerber. «Ging es im klassischen Ballett vor allem darum, ob eine Tänzerin diese oder jene Figur so perfekt wie möglich tanzt, fragt man sich heute, wie sie ihre Figur mit ihrer ganzen Persönlichkeit körperlich und mental ausfüllt und interpretiert.»

Gerade wegen dieser Entwicklung im Tanz stellt sich aber doch die Frage, warum ein Stück mit solchen Stereotypen immer wieder gespielt wird. Wieso also zum 100. Mal «Schwanensee»?

Kerber lacht ob der Frage. «Sie fragen den Dirigenten ja auch nicht, wieso er Beethovens Neunte dirigiert. ‹Schwanensee› gehört zum Weltkulturerbe!» Und übrigens sei das Stück am Theater Basel seit neun Jahren nicht mehr zu sehen gewesen. Und schliesslich stelle sich ja die Frage, wer den Stoff neu inszeniere ...

Da wird schnell klar: Diesem Mann ist mit Fundamentalkritik an Tutus, Pirouetten und schmachtenden Prinzen nicht beizukommen.

«Man kann Schwanensee auf ein Podest hieven. Man kann das Stück aber auch runterreissen und zerstören. Beides hat uns nicht interessiert», sagt Kerber. «Wir wollen, dass man dieses Stück nochmals neu anschaut. Wir belassen zwar die märchenhafte Ästhetik. Orientieren uns aber mehr an Comic-Welten als an romantischen Märchen.»

Gut, an der Ästhetik lässt sich feilen, aber die Partitur und Musik sind ja unumstössliche Grössen. Kerber sieht das nicht in Stein gemeisselt. Die Geschichte sei zu ausufernd und zu lang, meint er. Deshalb wurde gekürzt, um ganze 25 Minuten. «Das ist ein heikles Unterfangen», erklärt der Theatermann. Letztendlich sei er froh gewesen, dass auch der musikalische Leiter, Thomas Herzog, seine Vorschläge gut fand.

Die Länge sei das eine, sagt er. Aber es stelle sich ja die Frage, was man zu welcher Musik erzählt. «Wie tanzt man beispielsweise Zweifel zur Musik von Tschaikowsky?» Denn für Kerber ist dieser Prinz kein strammer Held, obwohl er den Namen Siegfried trägt.

«Für uns ist der Prinz einer, der zögert und zweifelt, keine eindimensionale Person», erklärt er. Denn wenn sich jemand in einen Schwan verliebe, müsse es auch einen tieferen Grund dafür geben. Die Inszenierung in Basel fokussiere da vor allem auf die Rolle der Mutter, die dem Sohn ihren Willen aufzwingt. «Bei einer solchen Mutter-Sohn-Beziehung darf man ruhig auch an Woody Allen oder Alice Schwarzer denken», erklärt Kerber. «Das hat alles wenig mit romantischen Märchen, eher mit der Lust auf Groteske, Ironie, Witz und Humor zu tun.» Das Publikum darf also die Erwartungen oder Befürchtungen in Sachen Tutus und Pirouetten zu Hause und sich selbst überraschen lassen.

Multitasking für das Ensemble

Wie kam denn diese Form beim Basler Ballett an? Das Ensemble sei neugierig und Kerber zeigt grössten Respekt vor dem Können der Tänzerinnen und Tänzer: «Das klassische Ballett ist zu einem unter vielen Tanzstilen geworden. Die Tänzer müssen über ganz viele Tanzsprachen verfügen. Das ist sehr anspruchsvoll.» Zur Illustration zieht der Dramaturg den Vergleich zum Fussball: «Dort wäre das so, wie wenn eine Mannschaft eine Woche lang das System Guardiola und die andere dasjenige von Mourinho spielen sollte.»

Kerber vertraut mit Blick auf die Premiere auf das Ensemble und den Choreografen: «Stijn Celis Handschrift ist extrem differenziert. Er kreiert aus vielen kleinen und subtilen Bewegungsmustern eine kraftvolle und klare Formensprache. Das funktioniert ganz anders als mit dem grossen Gestus des klassischen Balletts.»

Man darf gespannt sein.