Vom 26. bis 28. August werden 250'000 Besucher am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer erwartet. Die eigens fürs Fest gebaute Arena ist mit 52 016 Plätzen das grösste temporäre Stadion der Welt. Das «Eidgenössische» ist zudem der grösste wiederkehrende Sportanlass der Schweiz. Dieser soll 2022 erstmals im Baselbiet stattfinden. So will es die Spitze des Basellandschaftlichen Kantonalschwingerverbandes.

Infrage kommt wegen der Erschliessung und des riesigen Platzbedarfs – benötigt werden 70 bis 100 Hektaren, also rund 100 Fussballfelder – nur ein Gebiet im Kanton: die mehrheitlich landwirtschaftlich genutzte Ebene zwischen Aesch und Reinach (siehe Karte). Eine vom Kanton mitfinanzierte Studie, die im November veröffentlicht wird, soll Aufschluss darüber geben, ob das Fest der Superlative hier durchführbar ist.

Ein Hasen-Hotspot

Der Standort Aesch ist umstritten. Bereits Bedenken angemeldet haben die betroffenen Landwirte sowie Naturschützer. Die Felder stellen das Gebiet mit der höchsten Hasendichte im Kanton dar, zudem brüten dort seltene Vogelarten. Demgegenüber wäre das Landwirtschaftsland wegen des Fests über viele Monate nicht zu bewirtschaften.

Doch nun wird auch aus der Baselbieter Schwingerszene Kritik laut. Der Liestaler Hanspeter Rickli hat sich 15 Jahre im Vorstand des Kantonalverbands engagiert und ist Ehrenmitglied. Er hat bereits viele kleinere Schwingfeste mitorganisiert. Zu den Ambitionen des aktuellen Vorstands hat er eine klare persönliche Meinung: «In Aesch wird man das ‹Eidgenössische› nicht durchführen können.» Dort fehle der Platz für eine Veranstaltung dieser Grösse, die Verkehrsinfrastruktur sei nicht vorhanden und auch kaum zu schaffen.

Generell kritisiert Rickli, dass die Eidgenössischen Schwing- und Älplerfeste in den vergangenen 15 Jahren immer grösser geworden wären. Mittlerweile seien diese organisatorisch kaum mehr zu bewältigen. «Eine Rückbesinnung wäre für den Schwingsport nicht das Schlechteste», findet Rickli. Für ihn gibt es nur eines: «Wenn wir 2022 in der Region ein schönes Schwingfest feiern wollen, dann geht das meiner Meinung nach nur im Gebiet St. Jakob.» Dort sei die nötige sportliche und organisatorische Infrastruktur sowie ein Bahnanschluss direkt am Stadion bereits gegeben. Im ehemaligen Joggeli ist 1977 das letzte «Eidgenössische» in der Region Basel durchgeführt worden.

Purer Gigantismus?

Wie Rickli denken viele. Die bz hat in den vergangenen Tagen mit einem halben Dutzend Vertretern der Baselbieter Schwingerszene geredet. Öffentlich Kritik an den Plänen des Vorstands üben will kaum einer; gross ist die Gefahr, als Nestbeschmutzer in Verruf zu geraten. Doch immer wieder hören wir: Ein «Eidgenössisches» in Aesch wäre purer Gigantismus und lasse sich aus ökologischen sowie aus Platz-Gründen nie und nimmer realisieren. Die bz ist noch auf einen anderen Punkt gestossen: Höchstwahrscheinlich befindet sich 2022 der Schänzli-Tunnel der H18 mitten in der Sanierungsphase; Verkehrsbehinderungen auf diesem für die Erschliessung von Aesch und Reinach zentralen Abschnitts könnten die Durchführung eines Anlasses mit Zehntausenden Besuchern geradezu verunmöglichen.

Beim Schwingerverband Basel-Stadt äussert man sich diplomatisch zur Alternative St. Jakob: «Für uns war von Beginn weg klar: Wir lassen den Landschäftlern den Vortritt», sagt Verbandspräsident Felix Rappo. Wenn ein Baselbieter Projekt nicht zustande komme, stehe man aber mit einem eigenen Projekt bereit. «Wir werden alles daransetzen, das Eidgenössische 2022 in der Region durchzuführen», sagt Rappo. Er verspricht sich vom Grossanlass einen Werbe-Effekt für den Schwingersport in der ganzen Region. Dieser friste hier im Gegensatz zu anderen Kantonen ein Nischendasein, gibt Rappo zu bedenken.

«Grandiose Chance für Kanton»

Neben dem Standort gibt es aber auch Kritik am Vorgehen des Basellandschaftlichen Verbandsvorstandes. Seit zwei Jahren werde, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, darüber diskutiert. «So langsam sollte ein Entscheid auf den Tisch. Die Zeit drängt», sagt ein national tätiger Beobachter des Schwingsports. Spätestens im Frühjahr 2018 muss der Entscheid zum Schwingfest 2022 vorliegen (Text unten). Im Projekt stecke der Wurm drin, es herrsche ein schlechter Geist, sagt der Beobachter. Dass etwa der Vorstand die Medien gleich zweimal von Verbandsversammlungen ausgeschlossen habe, sei ungewöhnlich – und bei vielen schlecht angekommen. Auch Hanspeter Rickli kann die restriktive Informationspolitik des Vorstands nicht nachvollziehen. Bei einem solchen Riesenprojekt hätten Grundeigentümer, Gemeinden und andere Betroffene von Anfang an einbezogen werden müssen. Dies sei offensichtlich zu spät erfolgt, kritisiert Rickli.

Die Medienbeauftragte des Verbands, Anita Biedert, will zur Debatte ums Schwingfest 2022 keinen Kommentar abgeben. Die Kommunikation obliege dem Präsidenten Urs Lanz, sagt sie nur. Lanz weist auf Anfrage die Kritik an der Kommunikationspolitik zurück: Man habe stets transparent informiert. Zum Vorstandsentscheid, die Generalversammlungen ohne Presse durchzuführen, sagt er: «Im Anschluss haben wir stets per Mitteilung oder gar Medienkonferenz informiert.» Wenn es etwas mitzuteilen gab, habe man dies getan.

Er habe von der GV des Kantonalverbands den Auftrag erhalten, den Standort Aesch abzuklären. Diesen Auftrag nehme er nach bestem Wissen und Gewissen wahr, sagt der Präsident. Er sei zuversichtlich, dass für den Standort Aesch eine gute Lösung gefunden werde. Dass dieser bereits jetzt schlechtgeredet wird, ärgert Lanz: «Das Schwingfest ist eine grandiose Chance für den ganzen Kanton Baselland. Es wäre schade, diese leichtfertig zu vergeben.»