Ich wurde gewarnt. Nach vier Tagen auf der Redaktion bereits über die Basler Fasnacht zu schreiben – das sei mutig, oder gar heikel, je nach dem. Und das noch als Bündner, als einer, der aus jenem Landstrich kommt, wo man «Konfetti» sagt und eine «Gugge» sicher kein Sack ist. Eine Gegend, wo es zwar auch Fasnacht gibt, der Winter aber mit dem Chalandamarz vertrieben wird. Schellenursliland eben.

Immerhin: Den Fasnachts-Online-Test dieser Zeitung hat der Morgestraich-Frischling schon mal mit der Note «knapp genügend» absolviert. Räppli, Cortège, Waggis, Bangg, Binggis, Comité, Alti Dante, Dummpeter oder Ueli: Für die sakrosankte Terminologie könnte jeder Neuling einen Fasnachts-Dictionnaire gut gebrauchen.

Und das zu dieser Tageszeit

Drei Uhr morgens. Eine Tageszeit, zu der man normalerweise und höchstens alle paar Jahre mit einem Koffer das Haus verlässt, um eine Reise zu tun. Aber das hier ist auch der Beginn einer Reise. Einer Reise ins 72-Stunden-Universum der drey scheenschte Dääg.

Der Marsch durch die kaltnasse Nacht beginnt einsam. Bald aber werden die Menschentrauben, die aus allen Richtungen aufs Zentrum zulaufen, zum Strom, der in den Gassen der Innenstadt langsam zum Stillstand kommt. Allein dieses Stelldichein zu früher Stunde ist ein Happening der wunderbar ungewohnten Art. Wo sonst stehen so viele Menschen freiwillig zu solcher Unzeit auf?

03:58 Uhr. «Pschscht»! Schweigen. Gespannte Ruhe. Licht aus. «Morgestraich, Vorwärts, Marsch!». Dieser Augenblick ist so, wie mir immer erzählt wurde: ein magischer, entrückter Moment. Wie heilige Reliquien ruckeln die Laternen durch die dunkeln Gassen. Wie Leuchtkäferschwärme schweben die Zweierketten der Kopflaternen durch die Nacht.

Es wird in Zeitlupe wiegend marschiert. Der Soundtrack ist einzigartig, für Berglerohren infernalisch. Das Pfeifen, Trillern und Drummle ist an sich schon ein akustischer Ausnahmezustand.

Traurige Totenschädel, geblähte Riesennasen, erstarrte Münder, langhaarige Melancholiker, grimmige Gehörnte, gebleckte Riesengebisse, aufreizende Wimpern ziehen vorbei. Eine Prozession des heiligen Unernsts. Sichtbar wird, was das Jahr über verborgen bleibt. Die Monstrosität und Vieldeutigkeit der Existenz. Es sind jene Geister, die uns im Verborgenen bewohnen, die hier vorbei defilieren. Willkommen im real existierenden Surrealismus!

Das Gesamtkunstwerk

Nach knappem Schlaf, Cortège und kurzer Bürozeit ein Treffen mit Anna Schmid. Die Ethnologin leitet seit 2006 das Museum der Kulturen. Die Badenserin besucht mit dem Bündner Journalisten die Laternenausstellung vor ihrem Museum. Das Leuchtenmeer ist atemberaubend schön. Hier hat eine Stadt ihr kollektives Gesamtkunstwerk geschaffen.

Zum Ende des Abends findet sich der Schreibende selbst in einer Laterne wieder: Im «Ari-Käller» erleuchten ausgediente Laternen das Gewölbe. Hier unten kommt die Fasnacht zu sich selbst.

Die Menschen sitzen an langen Tischen, trinken, essen, reden, lachen. Kein Remmidemmi, wie in den Rheintaler Fasnachtsbeizen beispielsweise. Hier dehnt sich selbstvergessen die Zeit. Geduldig wird der nächste Bangg erwartet, der auch irgendwann die steile Treppe runterzockelt. Und so rundet das Schunggebegräbnis meinen ersten Basler Fasnachtstag mit einem Tipp für die hiesige städtische Medienlandschaft ab:

Es will d bz Basel en Usgoob jetzt stryyche
e Zyttig am Sunntig – e publizischtische Lyyche
doch wenn d scho muesch spaare,
wär umkehrt au gfaare:
BaZ am Sunntig, s wär e Hit,
an den andre säx Dääg nid.

23 Stunden nach dem Beginn der Reise: Der zentimeterdicke, aufgeweichte Räppli-Teppich fühlt sich an wie Schneematsch nach einem Föhnsturm. Die Kälte hat Viele in die Beizen getrieben. Die Cliquen und Guggen musizieren stoisch durch den Nieselregen wie Gespenster aus einer anderen Zeit.

Vor dem «Moulin Rouge» lässt eine Gugge die Nachtschwärmer schunkeln. Wer hier ins Horn bläst und die Pauken schlägt, sind die Väter und Grossväter jener Kinder, die am Nachmittag den Cortège säumten. Die Basler Fasnacht ist generationenübergreifend.

Vor der «Mausefalle» spielt ein Trüppchen Gendarmen beschwingt und herzerwärmend. Die letzten «Trottoir-Amsle» bewegen leicht das Knie. Ihr Rayon, der am Cortège viel zitierte grüne Strich, ist mit Räppli zugeklebt. Schuhe und Hosenstösse des Heimkehrenden auch. Auch das hat er gelernt: am besten trocknen lassen und dann abbürsten.