Herr Wiggli, warum braucht es die WIR-Bank überhaupt?

Germann Wiggli: Wir sind die einzige Alternative zum herkömmlichen Finanzierungssystem. Vor allem in Zeiten mit hohen Zinsen oder Kreditrestriktionen kann das Gewerbe bei uns Kredite zu den günstigsten Konditionen aufnehmen.

Das WIR-System wurde vor 80 Jahren als Selbsthilfeorganisation gegründet. Ist dieses Modell noch zeitgemäss?

Es ist nach wie vor ein erfolgreiches System. Heute nutzen 60'000 Teilnehmer das System und diese setzten jährlich 1,4 Milliarden WIR-Franken um. Auch heute profitieren die Kunden davon, besonders in Krisen.

Warum soll ein Betrieb am WIR-System teilnehmen?

Einerseits kann man günstige Kredite aufnehmen, wenn man sich in WIR verschuldet. Andererseits öffnet es Betrieben ein Netzwerk von kleinen und mittleren Unternehmen.

Auf WIR-Bezahlungen wird eine Gebühr erhoben und auf Guthaben gibt es keine Zinsen. Beim Franken hat man diese Nachteile nicht.

Der Kunde muss zwar eine Gebühr entrichten, dafür bekommt er mit WIR zusätzliche Aufträge. Im Durchschnitt hat ein Kunde lediglich 14'000 WIR-Franken auf seinem Konto. Wir wollen, dass die WIR schnell den Besitzer wechseln und nicht auf den Konten rumliegen. Je schneller der WIR zirkuliert, desto mehr Gegengeschäfte werden abgeschlossen.

Ein WIR wechselt aber nur zweimal im Jahr den Besitzer, das ist langsamer als der Franken.

Das ist so. Dies hängt auch mit dem derzeit tiefen durchschnittlichen WIR-Guthaben je Kundenkonto zusammen.

Warum werden Teilnehmer, die WIR gegen Franken tauschen, sanktioniert oder ausgeschlossen?

Mit dem Rücktausch wird die Geldmenge im System reduziert. Man soll das Geld entgegennehmen und es wieder innerhalb des Systems platzieren. Die Mitglieder brauchen einen gewissen «Platzierungsdruck», sonst funktioniert es nicht.

Die Umsätze des WIR-Geschäfts waren in den vergangenen Jahren rückläufig.

Als sich die Zinsen vor der Finanzkrise auf einem normalen Niveau bewegten, haben wir viel günstigere Kredite vergeben als andere Banken. Im Nullzinsumfeld von heute ist der Abstand zu herkömmlichen Franken-Krediten kleiner geworden; das hat der Attraktivität der WIR-Kredite geschadet.

Werden sie durchstarten, wenn die Zinsen steigen?

Dann geht bei uns die Post ab! Jeder, der dann einen Nagel einschlägt und dafür einen Kredit braucht, wird zu uns kommen.

Ihr Publikum verjüngt sich.

Bei unseren Mitgliedern findet ein Generationenwechsel statt. Die Jungen haben wieder vermehrt Interesse an regionalen Werten. In den regionalen WIR-Gruppen spüren wir das. Früher waren 20 Teilnehmer an einem WIR-Treff, heute sind über 80 bis 120 KMU an diesen Netzwerkanlässen vertreten.

Sie konnten im vergangenen Jahr in allen wichtigen Kennzahlen zulegen, was waren die wichtigsten Wachstumstreiber?

Im Zinsdifferenzgeschäft waren wir stark. Wir konnten das Volumen steigern und gleichzeitig Ertragswachstum ausweisen. Nur wenige andere Banken haben in diesem Bereich ein Plus erzielt.

Gemessen an der Bilanzsumme verliert das WIR-Geschäft an Bedeutung. Wandeln sie sich zur Privatkundenbank?

Das WIR-Geschäft steht bei uns nach wie vor im Mittelpunkt und daran wird sich nichts ändern. Wir werden nicht zu einer beliebigen Retail-Bank.

Warum verliert denn das WIR-Geschäft in der Bilanz an Bedeutung?

Unsere Kredite werden hauptsächlich in Franken ausgegeben und beispielsweise mit WIR ergänzt. Durch die Vergabe solcher gemischter Kredite wachsen wir im Franken-Bereich viel stärker. Zudem ist die Laufzeit eines WIR-Teils kürzer als des Teils in Franken. Darum wächst das Franken-Geschäft in der Bilanz stärker.

Hat die Erhöhung des antizyklischen Kapitalpuffers Folgen?

Wo wir die Vergabe von Krediten nicht verantworten konnten, standen wir schon vorher auf die Bremse. Für uns hat dies keine Auswirkungen. Man hätte den antizyklischen Kapitalpuffer noch höher ansetzen können, ohne uns in Verlegenheit zu bringen. Tatsächlich sehen wir im Wohnbaubereich gewisse Überhitzungserscheinungen in einzelnen Regionen.

Warum können sie bei der privaten Vorsorge und den Freizügigkeitskonten die besten Zinssätze bieten?

Die anderen Banken könnten dies auch. Aber diese Banken unterwerfen sich dem Shareholderprinzip, wir hingegen sind eine Genossenschaft. Ausserdem wollen wir in diesen Bereichen zu den Besten gehören, auch um zusätzliche Privatkunden und natürlich Refinanzierungssubstrat zu gewinnen.

Über die Berner Kantonalbank kann man seit 2007 ihre Stammanteile handeln. Sind sie bald an der Börse gelistet?

An der Börse gelistet zu sein, hat für uns keine Vorteile. Die Teilnahme bringt uns nur unnötige Kosten und regulatorische Nachteile. Die Teilnahme macht nur Sinn, wenn man Kapital braucht. Da wir sehr gut kapitalisiert sind, ist dies kein Thema.

Wer beteiligt sich an der WIR Bank?

Hauptsächlich unsere Kunden, Privatanleger und ein paar Stiftungen oder institutionelle Anleger. Für Letztere sind wir aber unattraktiv, weil wir nicht bei der Hauptbörse gelistet sind.

Taugt das WIR-System als Entwicklungshilfe?

Griechenland hätte man auch mit dem WIR retten können. Unser System ist dafür gemacht, dass KMU Krisen bewältigen können. Wir können gar nicht alle Anfragen – interessanterweise überwiegend aus dem Ausland – beantworten, die wir zu diesem Thema erhalten.

Nehmen sie am Programm des amerikanischen Justizdepartements teil?

Wir haben noch bis Mitte Jahr Zeit, uns zu entscheiden. Wir werden eher nicht daran teilnehmen, da wir keine amerikanischen Kunden haben. Obwohl wir eine klare Weissgeldstrategie fahren, verursachte der Steuerstreit Kosten über 100'000 Franken. Wir mussten die umfangreichen Abklärungen wie die betroffenen Banken auch durchführen. Für eine Genossenschaftsbank von unserer Grösse und erst noch ohne diese Kunden ist dies sehr ärgerlich.

Nach der Finanzkrise rückten Banken in den Fokus der Regulierer. Wie sind sie als Genossenschaftsbank von dieser Entwicklung betroffen?

Durch die Verfehlungen der grossen Institute wird nun die ganze Branche mit neuen Regulierungen belastet. Auch das ist sehr ärgerlich und eher unfair. Die korrekt arbeitenden Institute haben somit wesentliche Mehraufwendungen zu verdauen.

Warum hat die WIR-Bank Ihren Hauptsitz in Basel?

Die WIR Wirtschaftsring-Genossenschaft wurde ursprünglich in Zürich gegründet. 1942 wurde der Sitz nach Basel verlegt – aus dem einfachen Grund, weil der damalige Geschäftsführer aus der Region Basel kam.