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«Wir haben hunderte KMU in Not»: Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell zur Brutalität der Corona-Krise

Gewerbedirektor Gabriel Barell sucht weitere Unterstützung für seinen Solidaritätsfond. (Archivbild)

Gewerbedirektor Gabriel Barell sucht weitere Unterstützung für seinen Solidaritätsfond. (Archivbild)

Der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell lobt die Unterstützung von Bund und Kanton und äussert sich kritisch zu Steuersenkungen.

Herr Barell, wie dramatisch ist die Lage aus Sicht des Gewerbes?

Gabriel Barell: Am Anfang der Krise hatten Tausende Existenzängste. Mittlerweile sind auf verschiedenen Ebenen Massnahmen getroffen worden vom Bund, vom Kanton und auch Direkthilfen aus der Wirtschaft, die recht zügig gekommen sind. Das hat zu einer gewissen Entspannung geführt. Aber es wird auch am einen oder anderen Ort noch Lücken geben.

Wie beurteilen Sie die Massnahmen von Bund und Kanton? Gehen diese weit genug aus Ihrer Sicht?

Sehr gut ist, dass man auf Bundesebene das bewährte Instrument der Kurzarbeit ausgeweitet und vereinfacht hat. Auch die Möglichkeit für KMU, zu Nullkonditionen Kredite zu erlangen, macht Sinn. Aber auch kleinere Massnahmen, wie etwa der schnell beschlossene Erlass von Allmendgebühren oder der Mietzinserlass für Unternehmen, die in kantonalen Liegenschaften eingemietet sind, können helfen. Oft haben solche Beschlüsse auch Signalwirkung für Private.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht noch offen?

Diskutieren muss man sicher noch über die Direkthilfen. Da ist der Gewerbeverband mit der Aktion «Basel schafft(s) zämme» in die Bresche gesprungen. Mit einem Solidaritätsfonds können wir die KMU so unbürokratisch mit einem Betrag von 4000 Franken unterstützen.

Die Aktion ist am Montag gestartet. Wie ist der Rücklauf?

Die Nachfrage ist riesig. Wir haben bislang 400'000 Franken im Solidaritätsfonds und bisher nach 800 Anfragen aus dem Gewerbe vorläufig das Gesuchsverfahren gestoppt. Das sind alles KMU in Not. Der Bedarf ist enorm. Die ersten Beträge sollten wir noch diese Woche auszahlen können. Wir setzen alles daran, dass noch mehr Spenden kommen von Grossunternehmen oder Banken. Und wir bedanken uns bei allen, die schon gespendet haben.

Sehen Sie bei den Direkthilfen auch den Kanton in der Pflicht?

Der Kanton hat ebenfalls einen Beitrag in unseren Fond beigesteuert. Und der Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin hat uns gegenüber bereits gesagt, dass er sich vorstellen könne, dass die Direkthilfen allenfalls erweitert werden.

Welche Massnahmen fehlen noch?

Direkthilfen oder Entlastung bei der Mehrwertsteuer muss man sicher noch anschauen. Es wird sich in den kommenden Wochen zeigen, wo noch Lücken bestehen. Wir stehen im laufenden Kontakt mit Christoph Brutschin. Da werden wir sicher die eine oder andere Massnahme ergänzen können.

Eine solche Einigkeit von Gewerbeverband und der Wirtschaftspolitik der Basler Regierung hat man schon lange nicht mehr vernommen. Hat die aktuelle Krise den Blickwinkel verändert?

Wir sind uns quer durchs Parteienlager alle bewusst, dass es Massnahmen braucht, um die Abwärtsspirale zu stoppen. Da ziehen alle an einem Strick. Jede Krise hat letztlich auch Chancen. Da kann man sicher auch Sachen lernen für die zukünftige Zusammenarbeit.

Der Kanton Zug hat als Entlastungsmassnahme eine Steuersenkung angekündigt. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich ist jede Entlastung zu begrüssen. Die kleinen und mittleren Unternehmen, die aktuell primär Hilfe benötigen, sind aber nicht unbedingt diejenigen, welche sehr viel Kapital- oder Gewinnsteuern zahlen. Insofern würden bei Steuersenkungen keine grossen Entlastungsbeiträge resultieren. Andere, schnell wirkende Instrumente sind momentan aus unserer Sicht wichtiger. Steuersenkungen für Privatpersonen wären längerfristig eine gute Sache, da sie den Konsum fördern, der den Unternehmen zugute kommt.

In den vergangenen Wochen sind eine Reihe von Beispielen von Projekten initiiert worden, um regionalen Betrieben zu helfen.

Ich glaube, es ist ein kleiner Ruck durch die Bevölkerung gegangen. Man erkennt, dass man nicht unbedingt immer alles beim Online-Versandhändler am anderen Ende der Welt kaufen muss, sondern dass man das Geld auch in einem regionalen Kreislauf lassen kann. So kann man auch die Abwärtsspirale stoppen.

Wie lange kann das Basler Gewerbe eine solche Situation durchstehen?

Das ist sehr unterschiedlich. Aber wenn nichts unternommen worden wäre, hätten diverse Betriebe wohl schon Probleme gehabt, die Märzlöhne bezahlen zu können. Spätestens Ende April hätte es grosse Ausfälle gegeben. Nun muss man abwarten, wie die Massnahmen greifen, und dann wo nötig nachbessern. Und für die Zukunft, wenn die ganze Krise vorbei ist, finde ich Folgendes wichtig: Wir müssen wieder unternehmensfreundlichere Bedingungen schaffen, dass die Unternehmen auch die Möglichkeit haben, eine gewisse Marge zu erzielen. So können sie auch Reserven bilden und sind für solche Situationen künftig besser gewappnet.

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