Die Auswirkungen des Terror-Anschlags in Paris von vergangenem Mittwoch bekommen auch die Muslime in der Region Basel zu spüren. «Unsere jahrelange Arbeit, gegen Vorurteile anzukämpfen und zu zeigen, dass wir hier friedlich leben, wurde zunichtegemacht», sagt Cem Karatekin.

Der Präsident der Basler Muslim Kommission (BMK), dem Dachverband der islamischen Organisationen in beiden Basel, ist selbst bestens integriert. Der 58-jährige gebürtige Türke lebt seit 1974 in der Schweiz, besitzt längst den Schweizer Pass, hat drei hier geborene Söhne und sieben Enkelkinder. «Entscheiden Sie selbst, ob ich eher Türke oder Schweizer bin», sagt er selbstbewusst. Im Gespräch mit der bz verurteilt er die Attentäter, aber auch jene, die nun «gegen die Islamisierung» auf die Strasse gehen.

Herr Karatekin, am 5. Februar soll auch in Basel eine Demonstration stattfinden, die sich an die Bewegung der «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» (Pegida) anlehnt. Können Sie nachvollziehen, dass eine solche Bewegung nun Zuspruch erhält?

Cem Karatekin: Nein, denn Pegida schürt genau jene Vorurteile, die wir über die letzten Jahre versuchten abzubauen. Die Demonstration käme zur Unzeit, gerade in Basel. Die Stadt ist durch und durch multikulturell und Muslime leben seit langem friedlich mit Menschen anderen Glaubens zusammen. So wie wir unseren Glauben ausleben, belästigen wir niemanden. Durch eine Demonstration würden aber auch hier Leute in Richtung Rassismus geführt.

Werden Sie sich die Demonstration anschauen gehen?

Sie wurde ja erst beantragt. Ich finde, die Basler Behörden sollten sie gar nicht bewilligen. Wir von der BMK werden die zuständigen Stellen in einem Brief darum bitten. Sollte die Demonstration dennoch stattfinden, werde ich aber sicher nicht mit dem Panzer vorfahren (lacht).

Spürt die muslimische Gemeinschaft auch in der Region einen zunehmenden Hass?

Ganz konkret haben wir seit dem Anschlag auf die Pariser Redaktion noch keine neuen Anfeindungen gespürt. Dennoch haben jetzt viele Basler Muslime Angst. Sie fühlen sich durch die Anti-Islam-Bewegungen in ganz Europa unter Druck und leben ihren Glauben nun noch vorsichtiger aus.

Haben die Basler Muslime also Angst um ihre Sicherheit?

Es ist paradox. Eigentlich wissen wir, dass wir in der Schweiz sicherer sind als anderswo. Dennoch macht sich ein Ohnmachts-Gefühl breit. Wir werden als Glaubensgemeinschaft für etwas verantwortlich gemacht, mit dem wir nichts zu tun hatten. Für uns sind die Pariser Terroristen keine Muslime. Der Islam unterstützt keine Gewalt. Es sind kranke Menschen, die nun allen Muslimen schaden. Deshalb überlegen auch wir, ob wir die Türen zu unseren Gebetsräumen künftig abschliessen sollen. Und vor ein paar Moscheen haben wir schon seit ein paar Jahren Kameras, doch vielleicht sollten wir nun noch weitere installieren. Über solche Dinge diskutieren wir nun im BMK-Vorstand.

Der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber sprach im «Regionaljournal» von einer «tiefen einstelligen Zahl» Baselbieter, die nach Syrien gegangen seien, um für den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Kennt die BMK diese Leute?

Wir kennen keine und wir sehen keine muslimischen Extremisten in der Region Basel. Es mag möglich sein, dass einzelne Unbekannte vom IS radikalisiert worden sind, aber es sind sicher keine Mitglieder unserer regionalen Vereine. Sonst würden wir sie sofort ausschliessen.

Aber kann die BMK überhaupt genau wissen, was in den einzelnen muslimischen Gemeinden der Region vor sich geht?

Wir haben Kontakt zu allen muslimischen Gruppierungen in beiden Basel. Damit meine ich aber jeweils die Vorstände. Wir vertrauen darauf, dass uns diese über die vermittelten Inhalte informieren. Tauchen extremistische Inhalte auf, würden die Moschee-Leitungen dies sofort melden.

Was halten Sie von den Mohammed-Karikaturen, wegen denen «Charlie Hebdo» das Ziel des Anschlags wurde?

Ich stehe zur Meinungsfreiheit und wie gesagt verurteile ich die Gewalt aufs Schärfste. Aber ich plädiere im Umgang der westlichen Medien mit dem Islam auch für etwas Zurückhaltung. Sie wissen doch ganz genau, dass Muslime darauf empfindlich reagieren. Auch wenn es Satire ist: Warum muss man ausgerechnet eine uns heilige Person so darstellen? Ist das wirklich nötig? Das ist doch reine Provokation.

Was tun Sie denn intern, dass aus solch verletzten religiösen Gefühlen keine Radikalisierung entsteht?

Wir bitten die Prediger der verschiedenen Moscheen, mit ihrer Gemeinde über das Geschehene zu sprechen. Und wir sind daran eine Veranstaltung für unsere Jugendlichen zu organisieren, an der wir sie über den IS aufklären. Denn das letzte, das wir wollen, ist, dass unsere Kinder in die falschen Hände geraten.