Musikförderung

«Wir können nicht weiter runter» – jährlich 13 Millionen Subventionen für ein Orchester

Franziskus Theurillat (l.) und Hans-Georg Hofmann vom SOB.

Franziskus Theurillat (l.) und Hans-Georg Hofmann vom SOB.

Wer soll wie viel Geld erhalten? Zwei Vertreter des Sinfonieorchester Basel stellen sich der Debatte um die regionale Musikförderung.

Das Sinfonieorchester Basel (SOB) steht doppelt unter Beschuss. Auf der einen Seite hinterfragt die IG für eine breitere Musikförderung das Ungleichgewicht bei der regionalen Förderung, bei der rund 97 Prozent des regionalen Musikbudgets in die Klassik fliesst. Auf der anderen Seite sehen sich die vier kleineren Basler Orchester mit dem Problem konfrontiert, dass sie ihren Musikerinnen und Musikern die von der Gewerkschaft festgesetzten Mindestlöhne nicht zahlen können.

Mit rund 13 Millionen Franken pro Jahr steht das SOB als bestsubventionierter Klangkörper der Stadt – zumindest unausgesprochen – in der Kritik. Hans-Georg Hoffmann, künstlerischer Direktor, und Franziskus Theurillat, Orchesterdirektor, stellen sich der Debatte.

Ist es noch zeitgemäss, so die Frage der IG, dass Klassik gegenüber anderen Musikgenres bevorzugt wird?

Hans-Georg Hoffman: Das ist bestimmt nicht mehr zeitgemäss. Man muss den Musikbegriff immer wieder neu definieren. Und das fängt mit der Frage an: Was ist E-Musik und was ist U-Musik? Da hat sich in den letzten Jahren viel geändert.

Was heisst das für die Förderung?

HGH: Wir unterstützen das Anliegen der IG. Die Stadt Basel muss sich fragen, was sie sich leisten will. Jedes Angebot hat seine Kosten.

Franziskus Theurillat: Die Debatte ist natürlich interessant, aber wir zwei sind für das SOB tätig – entsprechend liegt es nicht an uns, darüber zu urteilen.

Aber Sie verstehen das Anliegen der IG?

FT: Auf jeden Fall. Es kommt darin ja zur Sprache, dass es auch im Pop-Bereich – und damit sind alle Spielarten und Ableger gemeint – top ausgebildete Leute gibt. Der Ball liegt nun klar bei der Abteilung Kultur des Präsidialdepartements.

Und, wenn es nach der IG geht, bald auch beim Volk.

FT: Ja, vielleicht werden dann die Volksvertreter im Grossen Rat entscheiden, was man sich leisten will.

Falls es so weit kommt: Mit welchen Argumenten lässt sich der Sonderstatus der Klassik rechtfertigen?

FT: Das SOB ist mit dem Bau des Casinos und zusammen mit der AMG entstanden. Das hat sich über weit mehr als hundert Jahren entwickelt und etabliert. Dahinter steht eine grosse Tradition und die Mission, das auch zukünftigen Generationen zur Verfügung zu stellen. Aber letztlich bestimmt auch die Nachfrage.

Die hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt.

FT: Sicher. Momentan ist die Debatte aber noch sehr hypothetisch: Ich kann mir vorstellen, dass die Verantwortlichen im Präsidialdepartement den Spiess umdrehen und von den Antragstellern einen genauen Vorschlag möchten.

Nach welchem Schlüssel innerhalb der Genres die Gelder verteilt würden?

HGH: Ja. Das ist eine grundsätzliche Frage, wie sie aktuell auch innerhalb der Basler Orchesterlandschaft gestellt wird.

Die vier kleineren Basler Orchester bekommen zusammen nur einen Zehntel der Subventionen des SOB.

HGH: Sicherlich ist es der Wunsch aller, dass alle gleich gut ausgestattet werden. Aber wir müssen realistisch bleiben. Ich bin kein Freund des Prinzips Giesskanne. Bei der Förderung stellt sich die Kernfrage: Wohin bewegen wir uns in Zukunft und was nehmen wir dabei mit an Traditionen? Das SOB ist nun mal das älteste Orchester der Stadt mit dem wunderbaren Stadtcasino als Domizil – das ist natürlich ein Vermächtnis. Ein Orchester ist eine Art kulturelles Gedächtnis.

Das SOB beansprucht mit rund 13 Millionen den Grossteil der Basler Musikförderung. Ginge es nicht mit weniger?

FT: Im bisherigen Umfang und auf dem jetzigen qualitativen Niveau: nein. Seit der Fusionierung der zwei Orchester 1997 wurde stetig abgebaut, Subventionen wie auch Stellen. Und jetzt sind wir an wir an dem Punkt, wo wir nicht weiter runter können ohne einschneidende Massnahmen.

HGH: Wir realisieren nicht willkürlich Projekte und holen dann Geld dafür ein. Wir haben einen festen Leistungsauftrag, mit Anforderungen, die an uns gerichtet sind. Und dieser Subventionsvertrag wurde letztes Jahr im Grossen Rat einstimmig gutgeheissen.

Dann muss der Kuchen insgesamt grösser werden?

HGH: Ich finde, die Debatte darf nicht darauf hinauslaufen, wie man bestehende Gelder komplett neu verteilt. Damit ist keinem gedient. Die Herausforderung wird in Zukunft sein, Wege zu finden, die Musikstadt als Gesamtes zu stärken. Und hier sehe ich Förderbedarf bei Jazz und Pop.

Haben Sie konkrete Ideen?

HGH: Ja. Ich finde, es braucht Orte, wo sich diese hochqualifizierten Künstler präsentieren können. Bei uns steht die Eröffnung des Erweiterungsbaus des Casinos an, mit dem für die Klassik eine neue Ära anbricht. Aber gibt es für den Pop und Jazz ausserhalb der Kaserne vergleichbare Konzerträume?

Wir haben von Tradition gesprochen. Auch der Pop hat längst das Rentenalter erreicht. Wer entscheidet, welches Repertoire bewahrt werden soll?

HGH: Beethoven wie Beatles gehören heute gleichermassen zum kulturellen Bildungskanon. Letztere überwiegen aber bereits in den Lehrplänen der Schulen. Hier sehen wir uns in der Pflicht, die Schulen mit attraktiven Vermittlungsangeboten zu unterstützen.

Es gibt also zu viel förderungswürdige Musik?

FT: Alleine in den letzten 20 Jahren hat sich die Vielfalt im Musikbereich enorm entwickelt. Damals gab es nicht das vielfältige Angebot wie heute. Auch ausserhalb der Klassik gibt es nun hochstehendes Schaffen, da gehe ich mit dem Schreiben der IG einig. Wenn die finanzielle Förderung analog dazu mitgewachsen wäre, dann müsste das Budget heute dafür tatsächlich viel grösser sein.

Wagen Sie zum Schluss eine Prognose?

HGH: Durch die Verlängerung der Staatsbeiträge hat man dem Orchester erneut das Vertrauen ausgesprochen, worüber wir sehr glücklich sind. Im Gegenzug hat das Orchester in den vier Jahren des Casino-Umbaus bewiesen, dass es eine starke Präsenz in der Stadt hat. Wir haben in dieser Zeit wider Erwarten sogar an Abonnenten deutlich zugelegt. Wir möchten gerne diesen Weg mit voller Energie weitergehen.

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