Rutschmadame
Wir machen unser Ding

Martina Rutschmann
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Nach dem Jahreswechsel wird alles anders. Oder?

Nach dem Jahreswechsel wird alles anders. Oder?

Juri Junkov/bz-Archiv

Die Enttäuschung war schon um 00.02 Uhr spürbar. 2021 werde anders, hiess es. Pah! Es war gleich dunkel wie vor dem Glockenschlag und auf dem Handy poppte keine Meldung auf, wonach die Welt nun eine schöne neue sei. Mir schwante, es könnte weitergehen wie bisher; jeder macht sein Ding. Am Spalenberg stehen die Leute am 6. Januar für den weltbesten Königskuchen Schlange. Erwachsene drängen sich wochentags ins Tram, Kinder ins Klassenzimmer. Grossräte reichen rund um die Uhr Mietvorstösse ein. Sonntags schlitteln Familien im Rudel um die Wette. Die Läden werden überrannt. Und im Februar folgen dann die Ski­ferien, bevor es spätestens an Ostern eine fette Party gibt. Öde! Alles wie gehabt.

Unsere Nachbarn hingegen wissen, wie sich Routine verhindern lässt. In Frankreich und Deutschland sind die Bürger dabei, ihren Alltag neu zu ordnen. Und nicht jeder verliert dabei die Orientierung. Zirkelhersteller würden das Geschäft ihres Lebens machen, dürften sie ihre Instrumente verkaufen. Da aber nicht systemrelevante Läden zu sind, müssen die Deutschen im Kopf berechnen, welche Möglichkeiten ihnen ein 15-Kilometer-Radius bietet. Die letzten Stopflebern in Frankreichs Regalen wären längst ausverkauft, dürften die Franzosen Gäste empfangen. Mit der Ausgangssperre ist aber auch im Elsass nichts, wie es die letzten Januare war. Unsere Nachbarn führen ein Leben, von dem sie einmal ihren Enkeln erzählen werden.

Zum Glück empfängt die Schweiz Westfernsehen und kann ein bisschen teilhaben am spannenden Alltag der andern, eingekuschelt in der Sicherheit der Routine auf dem weissen Fleck der Europakarte; einem Fleck, der eigentlich rot sein sollte, aber auf das bisschen Farbe verzichten wir für den geregelten Gang gern. Ob auch Basler und -innen ihren Enkeln je vom Treiben ennet der Grenze berichten werden, ist offen, denn auch das BAG setzt auf Kontinuität und denkt nicht dran, zur Abwechslung andere Zahlen zu präsentieren.

Geburtstagskind Dürrenmatt (100) hat einst gefragt: «Es ist schön als Schweizer geboren zu werden; es ist schön, als Schweizer zu sterben. Doch was macht man in der Zwischenzeit?» Udo Lindenberg wüsste eine Antwort: «Man macht sein Ding. Egal, was die anderen sagen.»