Theater Basel

Wir Neandertaler an der Börse: Ein Theaterabend über die Finanzkrise

Der berühmt-berüchtigte Regisseur Volker Lösch inszeniert «Angst» nach Robert Harris’ Thriller am Theater Basel. Doch nicht Anzug-tragende Manager stehen auf der Bühne, sondern sich kratzende Steinzeitmenschen im Fell.

Die Grundidee des Theaterabends über die Finanzkrise ist witzig: Statt Manager-Typen in smarten Anzügen tritt uns überraschend eine Horde haariger Neandertaler entgegen – genauer gesagt Steinzeitmenschen (wahrscheinlich haben unsere Vorfahren die armen Neandertaler an den Rand gedrängt und zu ihrer Ausrottung beigetragen). Wild wirbeln sie ihre silbernen Laptops herum, traktieren sie mit Händen und Füssen, hetzen kratzend, schreiend oder akrobatisch kopulierend herum, während im Hintergrund die Börsenkurse flimmern. Statt Büffeln jagt unsere Spezies heute Gewinnen hinterher. Ein geglücktes Bild.

Einen Skandal wird Regisseur Volker Lösch mit «Angst» trotzdem nicht provozieren. Auch wenn er sich das wünscht. Skandale lassen sich schwer planen. In Hamburg ist es Lösch 2009 zu seiner eigenen Überraschung gelungen, die ganze Stadt aufzurütteln, als er zu einem Chor formierte Arbeitslose die Namen, Adressen und Vermögenswerte der 36 Reichsten der Stadt skandieren liess. In Basel nun wiederholt er sein bewährtes Stilmittel und Markenzeichen: Den modernen Sprechchor. Diesmal bildet dieser sich aber nicht wie üblich aus Laien, sondern aus Schauspielern, die affige Finanzspekulanten spielen – es liessen sich offenbar keine echten Banker für dieses Vorhaben finden.

Nicht mehr skandalträchtig

Auch das Thema ist ähnlich und – wie fast immer bei Lösch – aus sozialem Engagement gewählt: Die Wirtschaftskrise, ihre Verursacher, ihre Mechanismen, ihre Profiteure. Doch den erhofften Skandal gibt dieses Thema mittlerweile schwerlich her. Dafür liegen die Selbst- und Ungerechtigkeiten, Dumm- und Gemeinheiten, die uns Lösch fast zwei Stunden lang entgegenbrüllen lässt, schon zu lange vor uns allen auf dem Tisch. Enthüllt. Diese Transparenz verbesserte die Missstände zwar bisher kaum – eine weitere ironische Wendung, die auch Lösch aufgreift.

Die Uraufführung – und Löschs erste Inszenierung am Theater Basel – basiert auf Robert Harris’ Thriller «The Fear Index» (auf Deutsch: «Angst»), ein englischer Bestseller. Darin erfindet ein ehemaliger am Cern in Genf angestellter Physiker namens Alexander Hoffmann (in Basel gespielt von Paul Grill) einen Algorithmus, der Angst berechnen kann und deshalb höchst erfolgreich an der Börse spekuliert. Doch wie bei Frankenstein – Mary Shelleys Roman ist auch bei Genf angesiedelt – gewinnt die Schöpfung, die künstliche Intelligenz, allmählich die Überhand über seinen Schöpfer.

Harris’ eigentliche Geschichte interessiert Lösch jedoch wenig, sie wird nur stark gekürzt und schwer nachvollziehbar in wenigen Szenen wiedergegeben. Spannend ist sie nicht.

Der Chor trägt die Hauptrolle

Komplett überhand nimmt stattdessen der Chor, zu dem sämtliche Darsteller in wechselnden Formationen gehören. Er kommentiert nicht wie im antiken Theater punktuell die Handlung, sondern seine Botschaften nehmen etwa 80 Prozent des Geschehens ein. Das ständige Herausschreien komplexer Wirtschafts-Texte ist ein unglaublicher Kraftakt für die Schauspieler, ihnen gebührt dafür Respekt. Die erste halbe Stunde ist das auch fürs Publikum packend. Mit der Zeit werden die Phrasen rund um Dow-Jones-Indizes und Marktweisheiten aber zunehmend monoton, repetitiv und wahnsinnig anstrengend.

Die Chor-Texte haben Lösch und die Dramaturgin Beate Seidel selbst geschrieben oder zusammengestellt. Jean Zieglers Gedanken zu den Tigerhaien im Genfer Finanzbecken haben darin ebenso Platz wie schlüssige Erklärungen zur Wirtschaftskrise, die üblichen Kritikpunkte und echte Aussagen diverser Finanzleute. Hier wirds spannend: Fürs lokale Kolorit reisten Seidel und Lösch im Herbst nach Basel, um vor Ort mit Betroffenen zu reden. So diese auch auf einem echten Interview beruhen, sind die widersprüchlichen Aussagen und Ängste eines Mitglieds des Basler Daigs besonders interessant.

Es wäre zu einfach, mit dem Finger nur auf die bösen Banker zu zeigen. Nebenbei bekommen auch selbstgerechte Bürger und narzisstische Künstler bei «Angst» ihr Fett weg – die Frau des Protagonisten Hoffmann (Judith Strössenreuter) profiliert sich mit Bildern toter Embryos.

Die skandierenden Geldaffen. Eine gute Idee, aber sie trägt nicht einen ganzen Abend. Diesem fehlt etwas: eine neue, weiterführende Idee.

Angst. Theater Basel. Weitere Aufführungen am 18. und 25. Januar und am 13., 25. und 28. Februar.

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