Rutschmadame

Wir Passiven sind die Opfer!

Martina Rutschmann
Die Trauer galt nur den aktiven Fasnächtlern, nicht aber den Zuschauern, schreibt unsere Kolumnistin.

Die Trauer galt nur den aktiven Fasnächtlern, nicht aber den Zuschauern, schreibt unsere Kolumnistin.

Muss das sein? Jetzt kommt diese Rutschmadame in ihrer ersten Kolumne wie die alte Fasnacht daher, um ihren abgestandenen Senf dazuzu­geben. Doch warten Sie! Es geht möglicherweise um Sie. Oder besser: um uns. Uns Passivfasnächtler haben die Trauerspezialisten nämlich ignoriert in den vergangenen Tagen. Das Gejammer galt nur den Aktiven: Was haben sie geschuftet, sich gefreut, geschwitzt und geblutet. Sterbende Waggisse als Ausdruck der kollektiven Depression, Grabkerzen, das Mitgefühl der Welt.

Und wir? Uns gab es plötzlich nicht mehr. Wir, die jubeln, staunen und die Strasse erst zur Bühne machen. Einzig Schnitzelbänke aus dem Studio hat man uns gezeigt, Verse ohne Publikum, steril und überfordernd. Wie soll ich wissen, wann ich lachen muss, wenn sonst keiner lacht? Gibt es überhaupt etwas zu lachen? Entlarvend trotz Larven.

Auf der Strasse sah man deren kaum welche. Uns, dem verwöhnten Publikum, verwehrte das Virus das Spektakel, auf das wir uns so gefreut hatten. Jene, die nicht durften, wie sie wollten, durften wenigstens gemeinsam nicht. Sie trafen sich an Stubeten und in ihren Beizen zur kollektiven Trauer, die schnell ziemlich fröhlich wurde, man blieb ja unter sich, aufgehoben in der Clique, in Jeans und für einmal ohne die Trommel.

Wir Passiven aber irrten orientierungslos durch die Gassen, auf der Suche nach doch ein bisschen Fasnacht, nach einer versteckten Show, ein paar Räppli. Was wir fanden, waren viele laute Menschen, die eher einen runden Geburtstag zu feiern schienen als eine Fasnachtsbeerdigung. Wir standen am Rand, ausgeschlossen, ohne die Rolle, die wir so gut spielen, die Rolle der Bewunderer.

In uns entstand eine Leere, die nur wir Passiven kennen. Wir durften nicht profitieren, konsumieren, alles einsaugen – und das Schlimmste: Wir durften nicht hamstern, in Zeiten, in denen Hamstern fast Pflicht ist. Keine Orangen, Schnäpschen, Mimosen. Wir waren traurige Einzelmasken mitten in einer Gemeinschaft, die sich von einem Virus nichts verderben liess. Wir waren sie, die wahren Opfer dieser «Fasnicht».

Ich wünsche uns herzliches Beileid und schnelle Genesung.

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Martina Rutschmann

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