Rutschmadame
Wir sind die guten Dinge

Martina Rutschmann
Merken
Drucken
Teilen
Es gibt sie noch, die guten Dinge, ist Martina Rutschmann überzeugt. So beispielsweise der Schnee.

Es gibt sie noch, die guten Dinge, ist Martina Rutschmann überzeugt. So beispielsweise der Schnee.

Kenneth Nars

Jetzt ist er weg, der Irre mit dem orangen Haar, und die Krokusse drängen an die Oberfläche. Den Fussballsommer ’90 mit Gianna Nanninis Hymne kann uns keiner nehmen, genauso wenig wie die Gewissheit, dass der Reissverschluss eine Schweizer Erfindung ist. Uns bleibt erspart, die Wohnung von Räppli befreien und das Kostüm reinigen zu müssen. Im «Tatort» morden sie zuverlässig weiter und die SRF-Wetterfrösche steigen heldenhaft aufs Dach. Schnee fiel und blieb liegen.

Es gibt sie noch, die guten Dinge, bloss sehen wir sie kaum, weil die Pandemie uns zermürbt. Zu Recht, wenn die Existenz auf dem Spiel steht, die Psyche im Keller ist oder der Körper im Spital. Doch auch wir Privilegierten jammern, fahren durch einen Tunnel ohne Licht am Ende. Theater zu, Beiz zu – und jetzt auch noch der Schuhladen!

Zur Ablenkung backen wir wie verrückt Brote und vergessen dabei, wozu Bäckereien erfunden wurden. Aber besser ein kleines Glück als gar keines, denn aus klein wird gross und drum, hört her, es gibt noch mehr als Brot! Spaghetti zum Beispiel. Wir könnten täglich Spaghetti essen, wenn wir wollten. Wir schlafen im eigenen Bett, die meisten jedenfalls, und tanzen in der geheizten Küche zu Disco-Hits aus den Siebzigern. Zwar nur zu fünft, aber wer will schon zu zehnt zwischen Kühlschrank und Ofen herumhopsen? Selbst Wölfe leben manchmal nur zu fünft im Rudel, ok, teilweise auch zu 36st, das dann aus gutem Grund, die Natur hat für alles einen guten Grund, im Gegensatz zum Menschen, der alles versaut.

Diesmal sind wir unschuldig, Corona ist nicht direkt auf unserem Mist gewachsen. Wir sollten uns loben, dass wir keinen Krieg angezettelt haben und unsere Gier wenig für die darbende Wirtschaft kann. Wir sind sie, die guten Dinge, und wenn wir uns an die WM’90 erinnern, lasst uns wohlwollend an Beckenbauers Sieg denken, immerhin wurde sein Land vereinigt und Menschen befreit.

Das blüht uns auch, Freiheit, dann kaufen wir Brot wieder beim Bäcker und essen Spaghetti in der Beiz. Und vielleicht werden wir 2022 Weltmeister. Oder das Leben plätschert weiter und wir erfinden neue Reissverschlüsse. Hauptsache, der Schuh­laden ist offen und der orange Irre kehrt nicht zurück.

Allein dafür hat es sich gelohnt.