«Wir sind näher zusammengerückt»

Andreas Bichweiler, Inhaber von Ramstein Optik, über Solidarität, kleine Schokoladenfreuden und böses Erwachen.

Interview: Rahel Koerfgen
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Andreas Bichweilers Geschäft war in den vergangenen Wochen für Notfälle geöffnet.

Andreas Bichweilers Geschäft war in den vergangenen Wochen für Notfälle geöffnet.

Bild: Kenneth Nars (Basel, 28. April 2020)

In diesen Zeiten muss auch das Nähkästchen zu Hause bleiben. Stattdessen erreichen wir Persönlichkeiten aus der Region am Telefon: «Funk-Kontakt» heisst die neue Rubrik, garantiert ohne Ansteckungsgefahr. Heute mit Andreas Bichweiler, dem Inhaber des Basler Geschäfts Ramstein Optik.

Hallo Herr Bichweiler, wo erreichen wir Sie?

Andreas Bichweiler: Ich sitze im Büro unseres Geschäfts an der Sattelgasse. Es gibt administrativ jetzt viel mehr zu tun – nicht meine Lieblingsarbeit, wenn ich ehrlich bin. Zum Beispiel Arbeitseinteilungen. Als Optikergeschäft hatten wir die vergangenen Wochen für Notfälle reduziert geöffnet. Brillen gehören zur Grundversorgung.

Was für Notfälle?

Wenn Brillen kaputt oder ver­loren gingen zum Beispiel. Kürzlich kam eine übermüdete Krankenschwester zu uns, sie war total fertig, weil sie ihre Brille nicht mehr finden und somit nicht arbeiten konnte. Da haben wir eine Lösung gefunden. Es ging nicht um den Verkauf, sondern ums Helfen.

Wollten die Leute bei dem schönen Wetter der vergangenen Wochen keine Sonnenbrillen kaufen?

Sehr selten – sie haben derzeit andere Sorgen. Ich war froh drum. So befanden sich nie zu viele Leute im Geschäft.

Wie haben Sie die Corona-­Auflagen umgesetzt?

Vom Kanton haben wir als Betrieb der Grundversorgung Masken erhalten. Zudem wurden an Beratungstischen und Messgeräten Plexiglasscheiben installiert. Darüber hinaus wird alles, vom Mobiliar bis hin zu Brillenmodellen, stets desinfiziert.

Wie erging es Ihnen persönlich in der Zeit des Lockdown?

Eigentlich bin ich ein sehr fröhlicher Mensch, gehe stets mit einem Lächeln durchs Leben. Aber ich hatte hin und wieder Tage, da bin ich morgens aufgewacht und habe gedacht, das war nur ein Albtraum. Um festzustellen, dass es bittere Realität ist. Mir fehlen die persönlichen Kontakte, Umarmungen auch.

Was heitert Sie dann auf?

Das Schöne an dieser Krise ist ja, dass die Leute viel empathischer miteinander umgehen. Vor ein paar Tagen ging es mir schlecht, das sah mir die Verkäuferin in der Confiserie Gilgen an, als ich Gipfeli für meine Mitarbeiter kaufte. Da hat sie mir noch ein Säckli mit Schoggi-Maienkäfern zugesteckt. Ich war so gerührt! Solche Dinge hat man vor der Krise weniger erlebt.

Sie sind unter den Laden­besitzern rund um die Schneidergasse sowie am Spalenberg sehr gut vernetzt. Wie ist die Stimmung?

Da passiert viel Gutes. Wir sind näher zusammengerückt, unterstützen uns, sprechen uns Mut zu. Der Zusammenhalt ist toll.

Davon überleben kann aber wohl keiner – viele Läden bangen in der aktuellen Krise um ihre Existenz. Gibt es vom Kollektiv rund um den Spalenberg bereits Überlegungen für Shopping-Aktionen nach der Lockerung des Lockdown am 11. Mai, um verlorene Einnahmen zumindest teilweise wettzumachen?

Ja sicher, wir sind am Ideensammeln. Konkret ist noch nichts, aber alle halten es für not­wendig, dass wir mehr zusammenarbeiten. Unsere Kun­dengruppen sind sich sehr ähnlich, da muss man Synergien nutzen.

Wie könnte das konkret aussehen?

Jedes Geschäft könnte von einem anderen etwas in sein Schaufenster stellen und so für den anderen Werbung machen. Auch verkaufsoffene Abende, wie wir sie bereits kennen, wird es sicher mehr geben.

Kämpft nun auch Ramstein Optik ums Überleben?

Wir verzeichnen eine deutliche Umsatzbusse, das wird sich negativ aufs Jahresergebnis auswirken. Aber wir verfügen über ein gutes finanzielles Polster und haben eine treue Stammkundschaft. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir die Ein­bussen auffangen können. Mein oberstes Ziel ist es, keinen meiner 36 Mitarbeiter entlassen zu müssen. Das habe ich ihnen in meiner wöchentlichen Sonntagsansprache auch gesagt.

Was für eine Ansprache?

Ich habe jeweils sonntags allen Mitarbeitern eine Sprachnachricht geschickt. Denn einige habe ich seit fünf Wochen nicht gesehen! Habe ihnen von mir erzählt, was ich denke und fühle. Auch vom Geschäft, wie es weitergeht. Immer dabei war eine lustige Geschichte, die für Aufheiterung sorgen sollte.

Konnten Sie beim Liegenschaftsbesitzer eine Mietzinsreduktion erwirken?

Wir stehen in Verhandlung.

Ab 11. Mai dürfen wieder alle Läden geöffnet haben, Ramstein Optik startet mit dem Normalbetrieb bereits am Montag. Ist diese Lockerung des Bundes richtig?

Aus wirtschaftlicher Sicht sage ich natürlich ja. Aus persönlicher bin ich nicht sicher. Ich hoffe einfach, dass nicht eine zweite Welle kommt. Aber es nützt jetzt nichts, an den Entscheidungen des Bundesrats rumzumäkeln. Ich vertraue der Landesregierung. Und freue mich so darauf, nun endlich unseren neuen Brandstore der Schweizer Marke Götti zu präsentieren – den allerersten! Eigentlich wollten wir das Ende März mit den Kunden feiern. Das fiel dann ins Wasser und machte mich schon sehr traurig.

Wie steht es eigentlich um die Art Basel? Ramstein Optik lanciert jeweils zur Kunstmesse ein Plakat.

Ich hoffe, dass sie durchgeführt wird, denke es aber nicht. Dann werden wir auch auf das Plakat verzichten, obwohl wir bereits eine Künstlerin für die Gestaltung im Auge haben.

Jetzt, wo wir bald wieder shoppen dürfen: Was sind die Sonnenbrillen-Trends dieser Saison?

Runde Formen, Pastelltöne, und die Kombination von Kunststoff und Metall sind sehr angesagt. Hoffentlich kommen die Leute und gönnen sich was Schönes. Toll wäre, wenn Basel Tourismus jetzt bei Schweizern die Werbetrommel für Basel als Feriendestination rühren könnte. Einheimische Touristen würden der Einkaufsstadt sehr helfen. Basel hat zwar den Nachteil, dass es nicht an einem See liegt oder in den Bergen, und dass es im Sommer sehr heiss wird. Aber im Herbst ist es dafür ein umso tolleres Ziel!