Kaserne Basel
«Wir tasten uns zur Normalität zurück» – Musikchef Sandro Bernasconi im Interview

Das Basler Dreispartenhaus Kaserne hat am Mittwochabend einen Ausblick auf die kommende Saison gegeben. Im Gespräch berichtet der Musikverantwortliche Sandro Bernasconi von seiner Arbeit in Zeiten von Corona.

Stefan Strittmatter
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«Manche Konzerte haben wir bereits dreimal verschoben», sagt Musikchef Sandro Bernasconi. (Archiv)

«Manche Konzerte haben wir bereits dreimal verschoben», sagt Musikchef Sandro Bernasconi. (Archiv)

Kenneth Nars

Normalerweise stellt sich bei einer Programmvorstellung die Frage «Was». War es im Coronajahr eher ein «Wie»?

Ja, aber das ist nicht neu. Wir befinden uns seit Ende Februar in dieser Situation, die uns zum Umdenken zwingt. Schon im April haben wir andere Formate, wie etwa die Innenhofkonzerte, durchgeführt.

Aber nun machen Ihnen die Reiseeinschränkungen zu schaffen?

Das ist wahrlich ein Dolch in unserem Rücken. Ein Haus wie wir, das international programmiert, leidet natürlich unter diesen Einschränkungen. Ein grosser Teil unserer üblichen Musikprogrammation ist aktuell schlicht nicht möglich.

Welches sind die konkreten Hürden?

Viele Acts können nicht aus- oder einreisen. Oder halt nur mit strengen Quarantäneauflagen. Es macht für Musiker finanziell aber keinen Sinn, wenn sie für ein einzelnes Konzert tagelang in Isolation müssen und in dieser Zeit kein Einkommen haben. Kommt hinzu, dass das viele auch losgelöst vom finanziellen Verlust nicht möchten. Also gehen viele Bands gar nicht erst auf Tour.

Und ohne Tour schnellen die Kosten für ein Konzert in die Höhe?

Genau. Grosse Festivals können sich vereinzelt Fly-in-Gigs leisten, also Konzerte, bei denen der Künstler für ein einzelnes Konzert anreist. Wir dagegen sind darauf angewiesen, dass wir eine Band unterwegs abfangen können. Aber gerade, wenn die Konzertorte in den Nachbarländern oder -kantonen wegbrechen, geht das nicht.

Also bleiben Ihnen fast nur die nationalen Acts.

Wir hatten immer Schweizer Bands, haben diese aber oft an einem Abend mit internationalen Acts gepaart.

Einheimische Bands als Lückenbüsser?

Auf gar keinen Fall! Wir holen nun jene Bands, die wir immer toll fanden, die aber bisher vielleicht keinen Platz hatten. Als Nebeneffekt können wir unsere Verantwortung wahrnehmen, die einheimischen Kulturschaffenden noch mehr zu stärken. Wobei man hier nicht in einen Protektionismus fallen darf.

Sie könnten angesichts von Corona auch alle Veranstaltungen aussetzen.

Wir haben vom Kanton den Auftrag, das Haus zu bespielen. Auch uns ist wichtig, dass wir die Türen öffnen und unter den gegebenen Schutzkonzepten Veranstaltungen durchführen.

Was bedeutet das für die erlaubten Besucherzahlen?

Wir tasten uns zur Normalität zurück. Aktuell haben wir in beiden Räumen bei Musikveranstaltungen eine Kapazität von je 150 und möchten das in Absprache mit dem Kanton langsam erhöhen. Aber das hängt jeweils von den Entwicklungen bei den Fallzahlen ab.

Eine rollende Planung also?

Sowieso. Manche Konzerte haben wir bereits dreimal verschoben. Dann habe ich einige in der Hinterhand, die noch nicht kommuniziert sind, obschon sie so gut wie fix sind. Und dann gibt es wiederum andere, die ausverkauft sind, bei denen aber noch immer nicht klar ist, in welcher Form sie stattfinden können.

War die Öffnung verfrüht?

Nein, das Bedürfnis ist ja da. Man sieht das an den Bildern aus der Steinen oder vom Rhein. Und auch daran, dass es wieder zahlreiche illegale Partys gibt. Ich denke, da ist es klüger, wenn man unter Einhaltung der Massnahmen Events stattfinden lässt.

Es bleibt aber die Unberechenbarkeit der Besucher.

Das ist aktuell sehr stark so. Die Ticketvorverkäufe sind fast überall massiv eingebrochen. Gemäss dem Feedback, das ich aus anderen Szenen bekomme, werden aktuell keine Türen eingerannt.

An was liegts? Im Lockdown schrie man nach Events.

Ich kann mir vorstellen, dass die Leute das Vertrauen in den Vorverkauf verloren haben, selbst wenn man die Tickets zurückerstattet bekommt. Es braucht nun vielleicht einfach etwas Zeit.

Wie weit reicht aktuell Ihr Planungshorizont?

Wirklich fix sind die Events, die binnen Monatsfrist stattfinden. Mit den Verschiebedaten hat sich unser administrativer Aufwand aber verdreifacht. Gleichzeitig gibt es auch Agenturen, die bereits für Februar 2022 anklopfen.

Weil sie das kommende Jahr abgeschrieben haben?

Ja. Wobei ich mich nicht so weit im Voraus festlegen möchte. Ich warte mit Freude auf die Meisterleistungen, die im Lockdown im Studio vollbracht wurden.

Was wünschen Sie sich in der Zwischenzeit?

Dass wir die Ruhe nicht verlieren. Und dass wir Konzerte besuchen und die Künstler und Clubs unterstützen, statt nur auf den sozialen Medien von Solidarität zu reden. Statt sich mit Verschwörungstheorien abzumühen, sollte man sich beispielsweise lieber die grossartige Compilation «Nisf Madeena (half city)» kaufen, deren Einnahmen den Beiruter Clubs zugutekommen.

Das volle Programm der Kaserne finden Sie unter: www.kaserne-basel.ch/de/spielplan

3 x 5 Tipps: Die Sparten-Experten der Kaserne stellen ihre Highligts vor

Musik-Highlights

Molino Sessions mit Ines Brodbeck, Eric Gut, Sandro Corbat, Frederyk Rotter (CH)

Lockdown-bedingt in Binzen gestrandet hat Ines Brodbeck – die der Kaserne mit ihrer Band Inez und anderen musikalischen Unterfangen schon mehr als einmal konzertante Höhenflüge bereitet hat – an neuen Songs gefeilt und wird diese gemeinsam mit Schlagzeuger Eric Gut (Baye Magatte Band u.a.), Gitarrist Sandro Corbat (Scratches) und Frederyk Rotter (Zatokrev) im Rahmen des Saisonauftakts an der Kaserne auf die Bühne bringen.

26.September 

Hauschka (DE) Support: Matthias Gusset (CH)

Der Meister des präparierten Flügels und Oscar-Nominee Hauschka kommt erstmals nach Basel und wird sein von Elektronika durchzucktes, mit Hammerschlägen, Klammern, Folien und zig weiteren Materialien malträtiertes Tasteninstrument zu ungeahnten Höhen treiben.

1.November 

Pablo Nouvelle & Scalatrax (CH)

Mit dem Material aus drei satten, über den Zeitraum eines Jahres eingefangenen EPs, die neben ausgeklügelten Samplecollagen mit äusserst tanzbaren Afrobeats und einem Feature von keiner geringeren als Kultsängerin Angélique Kidjo daherkommen, ist Pablo Nouvelle im Herbst zurück in der Kaserne.

5.November

Deena Abdelwahed (TN) «Khonnar» Live Set

Nach ihrem schweisstreibenden Auftritt im Rahmen der Saisoneröffnung 2018/19 meldet sich die tunesische Produzentin Deena Abdelwahed diesen Winter mit einer Live-Darbietung ihres Debütalbums Khonnar – einem aus rhythmischen Patterns, Bass, Elektronika und arabischen Sounds gestrickten Tonträger – zurück.

21.November

Shabaka & The Ancestors (GB/ZA)

Ob mit Sons of Kemet, The Comet is Coming oder eben Shabaka & the Ancestors: Shabaka Hutchings ist mehr als umtriebig, ist für das jüngste Londoner Jazz-Revival massgeblich mitverantwortlich und spannt bei Shabaka & the Ancestors einer Gruppe Südafrikanischer Jazzmusiker zusammen, die er selbst schon seit einer ganzen Weile bewunderte.

27.Januar, 2021

Theater-Highlights

Kadiatou Diallo (CH/ZA): «KIN-SHIP-ING»

Zusammen mit einer internationalen Gruppe von Freundinnen und Kollegen, erprobt die freischaffende Kuratorin, Vermittlerin und Kulturschaffende Kadiatou Diallo in «KIN-SHIP-ING» Verbindungen mit Menschen, mit anderen Wesen (realen und fiktiven), mit (im)materiellen Dingen, Orten, Ideen und Zeiten - vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen bei freiem Eintritt für Alle.

29.September, 20.Oktober, 24.November

Ariane Andereggen (CH): «Age on Stage / Am Rande des Rollenfeldes»

Als subversiv-dysfunktionales Vorsprechen auf der Suche nach neuen Rollen neben der Rolle bearbeitet die neue Performance von Ariane Andereggen ein «kulturpolitisches Forschungsloch», in dem alternde Schauspielerinnen und Schauspieler, insbesondere zwischen 45 und 60, von der Bühne und auch «im Leben» irgendwie verschwinden.

17.–19.Oktober

Joana Tischkau (DE): «Playback»

«Playback» entführt das Format der von Mareijke Amado moderierten «Mini Playback Show», entblösst das weisse (deutsche) Begehren nach schwarzer Verkörperung und wagt den Versuch, dem Ruf nach liberaler «colorblindness» mit kindlicher Trotzigkeit zu begegnen.

20.–21.November

Thom Luz (CH): «Lieder ohne Worte»

In der neuen Musiktheater-Entwicklung von Thom Luz und Ensemble geht es um die Keimzelle eines utopischen, aber aussichtlosen neuen Zustandes, es geht um den Akt des Geschichtenerzählens und den Schritt ins Jenseits.

7.–11.April 2021

Giselle Vienne (FR): «Der Teich von Robert Walser»

Gisèle Vienne inszeniert ihr neues Stück mit 14 mannshohen Puppen zwischen durchgehendem Dialog-Drama und langem inneren Monolog, in dem die dargestellte Welt und die Figuren gleichzeitig präsent, imaginär oder halluziniert erscheinen.

19.–20.Mai 2021

Tanz-Highlights

Peeping Tom (BE): «Kind»

In «Kind» beschwört das belgische Tanztheaterkollektiv Peeping Tom in einem bildgewaltigen Spektakel mit sechs virtuosen Tänzerinnen und Schauspielern das dynamische Innenleben von Kindern und Heranwachsenden.

24.–25.September

Compagnie Tabea Martin (CH): «Nothing Left»

Die Basler Choreografin Tabea Martin widmet dem Thema Vergänglichkeit eine ganze Trilogie und schliesst diese nach «This is my last dance» (2018) und «Forever» (2019) mit «Nothing Left» – einer Arbeit über die Auswirkungen, die der Tod von anderen auf uns hat – ab.

28.–29.November

Keshava / Tharayil (CH): «Sahitya»

Anjali und Sumitra Keshava und Ralph und Norwin Tharayil stehen sich als indisch-schweizerische Geschwisterpaare und als Tänzerinnen und Autoren auf der Bühne gegenüber, wo die Schwestern den Brüdern in einer Tanzstunde die klassische indische Tanzkunst Bharatanatyam zu vermitteln versuchen und bei dem ein Tanz-Gespräch entsteht, in dem Vorstellungen von kultureller Repräsentation und Identität durch Wort und Bewegung reimaginiert werden.

21.–25.Januar 2021

Swiss Dance Days 2021 Biennales Schweizer Tanztreffen

Sechs Theaterhäuser aus der Region Basel – Junges Theater Basel, Kaserne Basel, Roxy Birsfelden, Neues Thetaer Dornach, Theater Basel, Vorstadttheater Basel und das Théâtre La Coupole in Saint-Louis (FR) – haben sich mit Reso - Tanznetzwerk Schweiz zusammengeschlossen, um die biennale Plattform für den Schweizer Tanz in Basel zu organisieren und neben dem Juryprogramm auch erstmals einen Fokus auf «Tanz für junges Publikum».

3.–7. Februar 2021

Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula (CH/ZA): «How a falling star hit up the purple sky»

Nach ihrer erfolgreich Produktion «the ecstatic» arbeiten die neun Pantsula-Künstler von Impilo Mapantsula und Jeremy Nedd nun erneut zusammen, um den «Western» – ein Filmgenre, das wie kaum ein anderes so viele Stereotypen des Helden, des «Anderen» und des leeren, wilden Landes hervorgebracht hat – zu erforschen.

24.–28.März 2021