Verwahrte

«Wir verwahren mehr Menschen als nötig»

Volker Dittmann: «Vermeidbare Tötungsfälle nehmen mich fast stärker mit als eine besonders grausame oder abstruse Tötungsart.» Foto: Nicole Nars-Zimmer

Volker Dittmann: «Vermeidbare Tötungsfälle nehmen mich fast stärker mit als eine besonders grausame oder abstruse Tötungsart.» Foto: Nicole Nars-Zimmer

Unter Volker Dittmann hat sich die forensische Abteilung der Basler Psychiatrischen Kliniken einen internationalen Ruf erarbeitet. Nun tritt der 60-jährige Professor als Leiter der Forensik freiwillig zurück und warnt vor bedenklosen Verwahrungen.

Professor Volker Dittmann, Sie haben unlängst in einem Interview gesagt, dass die forensische Psychiatrie in der Schweiz eine Wachstumsbranche darstellt. Wie meinen Sie das?

Volker Dittmann: Jährlich kommen in der Schweiz 10 bis 15 Personen in die Verwahrung, während 0 bis 2 Personen daraus entlassen werden. Somit steigt nur schon in diesem Bereich der Bedarf an Betreuungs- und Behandlungsplätzen. Noch vor 10 bis 15 Jahren sind viele Patienten ungenügend behandelt worden, weil die Forensik personell dramatisch unterbesetzt war. Momentan dreht sich in unserer Gesellschaft eine Sicherheitsspirale, weswegen unsere Dienste immer gefragter werden.

Haben wir den Bogen mit den Verwahrungen vermeintlich gefährlicher Straftäter überspannt?

Ganz klar ja. Studien haben bewiesen, dass momentan in der Schweiz viel mehr Menschen verwahrt werden, als eigentlich nötig wäre. Doch das Sicherheitsbedürfnis von Bevölkerung und Politik ist zuletzt immer grösser geworden. Deshalb kommt man heute relativ schnell in das Verwahrungssystem hinein und nur ganz schwer wieder hinaus. Früher stand für Anwälte und Verurteilte die Frage der verminderten Schuldfähigkeit wegen einer allfälligen Strafreduktion ganz im Vordergrund, heute sind psychiatrische Gutachten, die eine Massnahme empfehlen, eher gefürchtet.

Warum?

In der forensischen Psychiatrie wird man als Insasse ständig mit der Vergangenheit und seinen Taten konfrontiert. Das ist für den Betroffenen um einiges anstrengender, als nur im Gefängnis zu sitzen. Ausserdem muss eine psychiatrische Massnahme so lange durchgeführt werden, bis das Rückfallrisiko deutlich gesunken ist. Das kann um Jahre länger dauern als bei einer Haftstrafe, die im Voraus genau festgelegt ist. Zwar ist jede Massnahme zunächst auf 5 Jahre begrenzt, kann aber danach im Gegensatz zur Haftstrafe bei negativer Beurteilung um weitere 5 Jahre verlängert werden, und so weiter.

Sind Sie und Ihre Berufskollegen nicht mitschuldig an der gestiegenen Anzahl von Verwahrten?

Nein. Wir Forensiker müssen zum Glück nicht darüber entscheiden, ob jemand verwahrt wird oder nicht, sondern die Gerichte. Die Schwelle zur Verwahrung wird von Politik und Justiz definiert, nicht von uns Psychiatern. Wir können mit unseren Methoden einzig mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob bei einem Straftäter ein geringes, ein mittleres oder hohes Rückfallrisiko besteht.

Vor Gericht geben aber in der Regel Ihre Gutachten den Ausschlag.

Die Neigung von Politik und Justiz geht momentan dahin, auf uns forensische Psychiater Verantwortung zu überwälzen, die wir gar nicht haben wollen. Nach der Rolle des berühmten «Richter in Weiss» strebt nun wirklich keiner meiner Berufskollegen. Aber im Zuge von Gesetzesreformen werden immer mehr Gutachten von uns verlangt. Manche Gerichte geben sich nicht mehr mit einem oder zwei Gutachten zufrieden. Es müssen dann drei, vier und noch mehr sein. Das erreicht wie im Fall Kachelmann teilweise groteske Ausmasse. Deshalb wünschen wir Psychiater uns erstens keine weitere Verschärfung von Sicherheitsgesetzen, denn dichter als jetzt kann das Netz gar nicht geknüpft sein. Und zweitens: dass die Justizbehörden bereit sind, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen.

Eigentlich sollte es doch klar sein, welche Straftäter derart gefährlich sind, dass sie verwahrt werden müssen.

Es liegt an der Politik, diese Schwelle zu definieren. Wenn wir feststellen, dass ein Ladendieb mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder rückfällig wird, dann zucken vermutlich die meisten mit den Schultern. Danach fängt es aber schon an: Was ist mit einem nicht besserungsfähigen Betrüger, der Hunderte von Rentnern um ihre letzten Ersparnisse bringt? Muss so jemand verwahrt werden oder erst der Serienvergewaltiger?

Daraus müssten Sie eine Forderung an die Politik ableiten.

Meine Forderung an die Politik heisst: damit aufhören, praktisch jedes mögliche Risiko für die Gesellschaft ausschalten zu wollen. Wir sind leider in einer Situation, in der ganz schnell neue Gesetze verabschiedet werden oder unglücklich formulierte Volksinitiativen lanciert, die nach Ansicht der Mehrheit der forensischen Psychiater absolut überflüssig sind.

Sie meinen die Verwahrungsinitiative.

Ja. Durch die Strafrechtreform von 2007 sind die gesetzlichen Möglichkeiten für eine Verwahrung bereits so «wasserdicht», dass man sich eine Verschärfung kaum noch vorstellen kann. Da zeigt sich die Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Psychiatrie: Von uns verlangt man beispielweise vorherzusagen, ob ein 25-jähriger Täter lebenslang unbehandelbar bleiben wird; dann kriegt er nämlich die «scharfe» Verwahrung. Doch das ist wissenschaftlich gar nicht zu begründen. Wir können fundierte Prognosen nur über einen gewissen Zeitraum von ein paar Jahren stellen.

Lesen Sie das ganze Interview in der aktuellen Sonntags-Ausgabe.

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