Quartierladen

Wirtschaftswunder im Gundeli: Kultladen «Schleiss Modellbau» trotzt selbst der Coronakrise

Ein ferngesteuerter Radbagger hier, Ersatzteile da: Fredi und Heidi Schleiss in ihrem Element.

Ein ferngesteuerter Radbagger hier, Ersatzteile da: Fredi und Heidi Schleiss in ihrem Element.

Der kultige Quartierladen an der Dornacherstrasse feiert bereits sein 60-jähriges Bestehen. Der in mittlerweile zweiter Generation geführte «Schleiss Modellbau» trotzt den Zeitläuften und selbst der Coronakrise.

Hundert, nein, tausend Mal daran vorbeigefahren. Als Kind sehnsüchtig die Auslage bestaunt. Bis einem dämmert: Den Laden gibt’s ja immer noch.

Es ist ein Wirtschaftswunder. Zumindest ein kleines: Ein winziger Quartierladen an der Dornacherstrasse feiert sein 60-jähriges Bestehen. Selbst wer noch nie reingegangen ist, kennt ihn; vor allem regelmässige Fahrgäste der Buslinie 36. Mitten im Gundeli, direkt neben der Haltestelle beim Winkelriedplatz, liegt Schleiss Modellbau. Auf dem Schaufenster steht noch immer «K. Schleiss». Karl Schleiss, der Geschäftsgründer, lebt schon lange nicht mehr. Es ist sein Sohn Fredi, der den Modellbauladen zusammen mit seiner Frau Heidi in zweiter Generation weiterführt. In diesem ist er quasi aufgewachsen, in der Werkstatt im Hinterzimmer machte er seine Schulaufgaben.

Schon als Kind war er überzeugt davon, einst in die Fussstapfen des Vaters zu treten, so sehr begeisterten ihn die ferngesteuerten Flugzeug-, Schiffs- und Fahrzeugmodelle.

Als Karl Schleiss Ende der 1950er-Jahre beschloss, sich an der Dornacherstrasse selbstständig zu machen, brummte das Geschäft. Deutschland hatte sein eigenes Wirtschaftswunder. Die Leute konnten wieder Geld für Hobbys ausgeben. Aus Übersee schwappte die Welle der technischen Spielzeuge rüber. «Funkgesteuerte Spielwaren» lautete der erste Schriftzug über dem Laden, und daneben prangte das «Märklin»-Logo.

Der Laden ist immer kleiner geworden

Ein ferngesteuertes Flugzeugmodell aus den Anfangstagen hängt noch immer an der Decke des Ladens, aber die Modelleisenbahnen des berühmten Göttinger Herstellers bietet Schleiss schon lange nicht mehr an. Auch musste er sich jüngst mangels Käuferschaft von seiner Abteilung mit Plastikmodellen trennen. Der einst dreigeteilte Laden besteht nur noch aus dem kleinen Mittelteil, die Räume rechts und links sind fremdvermietet.

Es sind insbesondere zwei Dinge, die Fredi und Heidi Schleiss das Geschäftsleben immer schwerer machen. Das wegen Computerspielen veränderte Freizeitverhalten und die Konkurrenz durch günstigere Internetanbieter. «Alles billiger China-Schrott», schimpft Fredi Schleiss über die im Internethandel erhältlichen Fertigmodelle. Besonders sauer mache ihn, wenn Leute solches Zeug online kaufen würden, aber dann zu ihm kämen, wenn es kaputt geht. Aus Spass hat er hinter der Kasse ein Schild aufgehängt: Für Beratungen zu nicht bei ihm gekauften Modellen verlangt er 30 Franken. «Aber die meisten drehen sich gleich wieder in der Türe um, wenn sie das lesen.»

Denn Schleiss’ Kundenservice ist legendär. Er selber bietet nur qualitativ hochwertige Bausätze mit genau abgestimmten Komponenten an; meist nur gegen Bestellung. Genauso ist für ihn zentral, dass die Kunden ihre Projekte erfolgreich fertigstellen und tatsächlich zum Fahren und Fliegen bringen. Er erzählt die Anekdote, wie er einem Jungen ein bereits bezahltes Modellauto wieder abnahm, als dieser fragte, ob man die Schrauben links oder rechts rum eindrehen müsse.

Sein Ersatzteillager ist riesig

Das hätte er nicht verantworten können, jemandem so Unerfahrenen ein so teures Modell zu verkaufen. Doch wer Probleme beim Bauen seiner Modelle bekommt, den berät Schleiss gerne stundenlang und zu fast jeder Tageszeit. Sein Ersatzteillager ist riesig. Fehlt ein bestimmtes Teil, stellt er dieses auf der eigenen Drehbank her, oft gratis. Bei ihrer Stammkundschaft geniessen Fredi und Heidi Schleiss Kultstatus.

Dann kam im Frühjahr der Coronalockdown, was zwei Monate ohne Einnahmen bedeutete – ausgerechnet als das kinderlose Paar das stolze Firmenjubiläum feiern wollte. Doch auch davon werden sich die beiden nicht unterkriegen lassen. Stamm- und gelegentliche Laufkunden halten sie über Wasser. Die regionale Modellbauszene schrumpft zwar, bleibt aber aktiv.

Längst hat Fredi Schleiss das ordentliche Pensionsalter überschritten, einen Nachfolger gibt es nicht. Wie lange sie den Laden noch betreiben wollen? «Diese Frage wird uns oft gestellt», antwortet Heidi Schleiss und lacht. «Unsere Antwort lautet stets: So lange es nur geht.» Fredi Schleiss ergänzt: «Ich trage den Modellbau im Herzen.»

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