Lörrach
«Witz-Blitzer» in der 30er-Zone: Realer Irrsinn bei den deutschen Nachbarn

Ende 2014 beschloss der Lörracher Gemeinderat, dass ein Blitzkasten an der Wallbrunnstrasse in der 30er-Zone erst ab Tempo 50 blitzen darf. Die NDR-Satiresendung «Extra 3» nahm den Fall in einem Buch auf.

Bojan Stula
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Der «Witz-Blitzer» aus Lörrach ist nun ganz offiziell einer der 40 besten (oder schlimmsten – je nach Optik) Fälle von Behörden-Wahnsinn im Land unserer nördlichen Nachbarn. Der vergangene Woche erschienene Band «Extra 3. Deutschland – Der reale Irrsinn ist überall» hat der Lörracher Verkehrsgroteske extra ein eigenes Kapitel gewidmet.

Der «reale Irrsinn» ist der allwöchentliche Höhepunkt der NDR-Satiresendung «Extra 3» mit den gesammelten Schildbürgerstreichen aus den deutschen Verwaltungsstuben. Wer es in diese Rubrik schafft, kann für sich beanspruchen, ein ganz besonderes Prachtsexemplar des Amtsschimmels aufgezäumt zu haben – etwa mit der Ampel in Dresden, die seit Jahren schon auf Dauerrot eingestellt ist, dem Verkaufsverbot von frischen Grillwürsten am Wochenmarkt von Celle oder dem Kletter-Penis auf dem Kinderspielplatz in Bad Segeberg. Oder eben dem «Witz-Blitzer» von Lörrach, wie die deutsche Boulevardzeitung «Bild» den Fall süffisant betitelte.

Tempo 50 in 30er-Zone

Ende 2014 war es, als der Lörracher Gemeinderat beschloss, dass der Blitzkasten in der 30er-Zone an der Wallbrunnstrasse erst ab Tempo 50 blitzen darf. Dies im Sinn eines Kompromisses zwischen den Freien Wählern und der CDU auf der einen Seite sowie SPD und Grünen auf der anderen.

Ein halbes Jahr zuvor hatte die Stadtverwaltung aus der stark befahrenen Wallbrunnstrasse eine Tempo-30-Zone gemacht, um den Lärmschutz-Aktionsplan zugunsten der Anwohner zu verwirklichen. Doch nach ein paar Monaten mit täglich rund 200 Geschwindigkeitsübertretungen zeigte sich, dass die Durchsetzung der 30er-Zone mittels Blechpolizist zu erfolgreich gewesen war.

Lörrachs Autofahrer tobten wegen der Strafzettel-Flut, und die Bürgerlichen im Gemeinderat bekamen kalte Füsse. Also einigten sich die Lörracher Lokalpolitiker auf jenen Entscheid, der in ganz Deutschland, «Extra 3» sei Dank, für Heiterkeit sorgte. «Falsche 30er-Zone erntet Hohn und Spott» titelte etwa die Regionalzeitung «Südkurier».

Sich selbst überrascht

Beinahe unsterblich machte sich anschliessend CDU-Gemeinderätin Petra Höfler, als sie vor laufender «Extra 3»-Kamera nach Gründen für den faulen Kompromiss suchte: «Ich kann’s nicht genau sagen. Ich kann’s Ihnen wirklich nicht näher sagen. Wir sind aus der Sitzung raus und haben nachher noch ein Schorle miteinander getrunken und waren schon sehr über uns selbst erstaunt, was wir da gemacht haben.»

Realer Irrsinn, aufgedeckt in Lörrach: Tempo 50 in der 30er-Zone.

Realer Irrsinn, aufgedeckt in Lörrach: Tempo 50 in der 30er-Zone.

Screenshot/NDR

«Gemeinsam einen trinken gehen und sich häufiger mal selbst überraschen», ätzte «Extra 3», «das ist doch moderne Politik in Lörrach.» Die Lacher waren den Sendungsmachern Alicia Anker und Daniel Sprenger gewiss.

So richtig lustig wurde es aber erst im Februar 2016: Lörrachs Stadtverwaltung ruderte zurück und machte aus der Wallbrunnstrasse wieder eine richtige 30er-Zone inklusive korrekt auslösendem Blitzer. Dies, nachdem sich die Stadt vom Regierungspräsidium in Freiburg die Bestätigung hatte geben lassen, dass der Gemeinderat in Verkehrsfragen über gar keine Weisungskompetenz verfügt.

Gefundenes Fasnachts-Fressen

Im Rückblick beherzigt Gemeinderätin Höfler die wichtigste Lehre aus der ganzen Groteske: Sie kann noch immer darüber lachen, selbst wenn sie deswegen im Stadtparlament ordentlich Lehrgeld bezahlen musste. Wegen ihrer freimütigen Auskunft wurde sie sogar noch an der diesjährigen Lörracher Fasnacht ausgiebig durch den Kakao gezogen, und im Gemeinderat werde die CDU noch immer nur die «Schorle-Fraktion» genannt.

Dabei haben wir extra das Badnerlied in ein Schorle-Lied umgedichtet und an einer Gemeinderatssitzung gesungen, mit der Aufforderung, die ganze Geschichte zu den Akten zu legen», erzählt Höfler heute. Genutzt hat es nichts, dafür ist dieser Fall von «realem Irrsinn» einfach zu gut.