Basel
Wo Behindertentauglichkeit Behinderte behindert

Was zugunsten von Rollstuhlfahrern gebaut wird, ist unter Umständen ein Hindernis für andere Behinderte. Besonders der Basler Marktplatz könnte wegen der Erhöhung der Kanten bei den Tramhaltestellen zu einem Ärgernis für Sehbehinderte werden.

Nicolas Drechsler
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Die Kanten bei den Tramhaltestellen werden für Rollstuhlfahrer erhöht – das könnte ein Hindernis für andere Behinderte werden.

Die Kanten bei den Tramhaltestellen werden für Rollstuhlfahrer erhöht – das könnte ein Hindernis für andere Behinderte werden.

Eine «behindertengängige» Tram-Haltestelle in Basel ist bereits eingeweiht, die übrigen sollen bis 2023 folgen. Das Basler Tramnetz soll an die Vorschriften des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Behinderten angepasst werden für eine Summe irgendwo zwischen 100 und 200 Millionen Franken. Bisher gesprochen ist ein Planungskredit von 6,3 Millionen Franken, die auf den Umbau der Tramwagen sowie den Bau einer Test-Haltestelle entfallen.

Weitere 6,1 Millionen Franken verschlingt die Umbauplanung der Haltestellen. Wie die BVB auf ihren Warnschildern für Schwarzfahrer schreiben: «Das ist sehr viel Geld.» Das eigentliche Problem liegt aber ganz woanders, schliesslich hat das Volk entschieden, dass die Behindertengängigkeit notwendig ist.

In Basel hat der Verein Pro Infirmis , der sich für die Rechte von Rollstuhlfahrern einsetzt, ist zwei Wochen noch einen Schritt weiter gegangen: Er klagt gegen drei Restaurants, unter anderem die Brasserie Mövenpick am Marktplatz, weil diese für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich seien.

Zu hohe Trottoirränder

Widerstand gegen die neuen, mit 27 Zentimeter hohen Trottoirrändern ausgerüsteten Haltestellen hat sich bereits im Basler Parlament geregt. Stein des Anstosses ist insbesondere, dass das Bundesgesetz vorschreibt, die Haltestellenkanten müssten durchgehend so hoch sein, nicht etwa nur bei einer oder mehreren Türen des einfahrenden Trams.

Im Grossen Rat sagte Patrick Hafner (SVP) im November letzten Jahres: «27 Zentimeter hohe Haltestellenkanten sind in einem privaten Haus als Treppenstufen nicht zulässig. Es ist schlicht zu hoch. Auch Blinde dürften daran keine Freude haben.»

Der Marktplatz als Schlucht

Baudirektor Hans-Peter Wessels wollte damals keine Garantie abgeben, dass der Marktplatz nicht zu einem Hindernis für Gehbehinderte oder alte Menschen werde, wenn sich die Tramgleise als «Schlucht» quer über den Platz ziehen.

Wessels betonte, dass die Bundesregeln in der ganzen Schweiz eingehalten werden müssten. «Die Ausgangslage ist relativ klar: Der Bund schreibt vor, dass bis 2023 alle Tramhaltestellen behindertengerecht eingerichtet sein müssen.» Ansonsten könnten die Behindertenverbände klagen.

Behinderte zweiter Klasse?

Nun stellt sich aber immer akuter das Problem, dass die spezialisierten Behindertenverbände, die nur eine Gruppe von Behinderten vertreten, ihre Forderungen durchsetzen wollen. Offenbar haben hier die Rollstuhlfahrer die stärkste Lobby. Andere Gruppen von Behinderten drohen, ins Hintertreffen zu geraten. Beispielsweise die Blinden, denen sich in den Städten neue Hindernisse entgegenstellen werden.

Allerdings ist kaum ein Funktionär der Behindertenverbände bereit, das auch laut auszusprechen. Doch betonen Vertreter vom Invalidenverband beider Basel (IVB), Sinn des Gesetzes sei es, dass man bei jedem Neubau überlege, wie man ihn für Behinderte möglichst gut gestalten könne. Hier müssten die Behörden genau aufpassen, dass sich nicht alles auf die Rollstuhlgängigkeit fokussiert.

Die Unzufriedenheit beim IVB fokussiert sich derzeit aber auf andere Dinge; etwa darüber, dass der Kanton beim öffentlichen Verkehr handle, aber es gleichzeitig auswärtigen Behinderten mit dem neuen Verkehrsregime Innenstadt enorm erschwere, in die Basler City zu gelangen. Gerade hier würden andere politische Zielsetzungen stärker gewichtet als die Mobilität der Behinderten.