Er hat viel erlebt – und überlebt. Als aus der Nationalversicherung vor einigen Jahren die National Suisse wurde, «güxselte» der Mann wie eh und je um die Ecke des Gebäudes, in dem der Wandel stattfand. Auch als im Herbst bekannt wurde, dass die Helvetia-Versicherung die National Suisse kauft, liess sich der Mann mit dem Schnauz nicht beirren – und schaute weiter ums Eck. In zwei Jahren könnte er seinen 30. Geburtstag feiern. Doch dazu wird es nicht kommen. Denn der Mann ist weg.

An seinem Platz ist es nun hellgrau. Und keine Kunst ziert mehr die Wand.

Robert Indermaurs Mann zierte fast dreissig Jahre diesen Fleck – nun hat sich die Versicherung entschieden, die Fassade grau zu lassen. Indermaurs Wandmalerei im Innenhof (links hinten) bleibt.

Robert Indermaurs Mann zierte fast dreissig Jahre diesen Fleck – nun hat sich die Versicherung entschieden, die Fassade grau zu lassen. Indermaurs Wandmalerei im Innenhof (links hinten) bleibt.

«Das Wandbild konnte beim Umbau des Zwischenbaus am jetzigen Steinengraben 39 leider nicht erhalten werden – und es wird auch nicht wiederhergestellt», sagt Jonas Grossniklaus von der Versicherung. Sowohl die Tatsache, dass sein Werk verschwunden ist, als auch die Entscheidung, es dabei zu belassen, erfährt der Bündner Künstler Robert Indermaur von der bz. «Mit leichtem Bedauern», wie er anfügt. Einen Schock löste die Nachricht nicht aus, da die Versicherungsverantwortlichen dem Künstler vor zwei Jahren bereits mitgeteilt hatten, sein Bild werde dem Umbau zum Opfer fallen.

Künstler erstaunt über Vorgehen

Erstaunt hat ihn jedoch, dass es wohl das Letzte war, was er von seinem damaligen Auftraggeber gehört hat. Denn: «Vor zwei Jahren fragten sie mich, ob ich das Bild wiederherstellen würde», sagt Indermaur. Seine Antwort lautete: «Gerne!» Seither herrsche Funkstille. Daran wird sich nichts ändern, wie Grossniklaus nochmals bestätigt: «Das Wandbild soll nicht erneuert werden.»

Die National Suisse ist bekannt für ihre Affinität zu Kunst – und wirbt damit, diese gut zu versichern: «Kunst zu versichern, ist eine Spezialität von Nationale Suisse», steht auf der Website. Doch damit nicht genug: Das Unternehmen ist auch bekannt für sein Engagement in der Kunst. Es sammelt und fördert Kunst. So beschränkt sich Sprecher Grossniklaus bei der Indermaur-Anfrage nicht auf Auskünfte zum verschwunden Wandbild, sondern erwähnt auch, die Firma habe sich im Zuge des Umbaus neue Kunst-am-Bau-Projekte angeschafft: «Es wurden Projekte von Pipilotti Rist, Hans Danuser und Daniel Robert Hunziker realisiert.» Und: Der Perlenvorhang im sechsgeschossigen Treppenhaus von Pipilotti Rist sei von der Strasse aus gut sichtbar.

Was das zweite Werk von Robert Indermaur angeht, so hat dieses den Umbau überlebt: Die Malerei im Innenhof des Steinengrabens 41 bleibt erhalten. Was die jetzigen Versicherungsverantwortlichen jedoch nicht mehr zu wissen scheinen, Robert Indermaur aber noch sehr gut in Erinnerung ist: «Den Mann an der Fassade habe ich als eine Art Wegweiser in den Hof gemalt.»

Doch auch ein Wegweiser hält nicht für die Ewigkeit, darin sind sich Versicherung und Künstler einig. «Kunst am Bau hat temporären Charakter», sagt Grossniklaus. Und Indermaur bestätigt: «Nichts ist für ewig – nicht mal ich.»