Stadt versus Land
Wo können sich Expats besser integrieren?

Die Expats fühlen sich in der Schweiz nicht sehr wohl, besagt eine Umfrage. Wie ist das in den beiden Basel, wo 40'000 von ihnen leben?

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Das Paddy Reilly's fungiert nicht nur als Pub, sondern auch als Integrationseinrichtung

Das Paddy Reilly's fungiert nicht nur als Pub, sondern auch als Integrationseinrichtung

sil
Hans-Martin Jermann

Hans-Martin Jermann

Mathias Marx

Nach New York und Bangkok am besten nach Röschenz

Im Baselbieter Dorf – nahe am Wald und wo Nachbarschaftshilfe noch etwas zählt – wirds der Expat-Familie am wohlsten sein

Es gibt keinen Grund, weshalb ein Expat, der mit seiner Familie neu in die Schweiz zieht, die Stadt als Wohnort aussuchen sollte. Nicht, dass Basel per se unattraktiv wäre. Aber für den Expat, der bereits in New York, São Paulo oder Bangkok gelebt hat, wirkt Basel wie ein zu gross geratenes Dorf. Urbanität wird er weder suchen noch in Basel – nach seinen Massstäben – finden.

Seinen Arbeitsplatz hat der Expat – wo sonst – in der Stadt. Kulturbeflissen, wie er ist, geniesst er die Besuche im Kunstmuseum, in der Fondation Beyeler, womöglich auch im Theater Basel. Doch leben möchte dieser Expat nach Jahren in einer engen Grossstadt-Wohnung am liebsten im Grünen. Die 40 Minuten, die er vom Wohnort im Baselbiet an den Arbeitsplatz benötigt, sind ein Klacks: In London war er täglich mehr als eine Stunde unterwegs.

Der Expat zögert gleichwohl mit dem Umzug aufs Dorfe: Fragwürdige politische Entscheide schrecken ihn – verständlicherweise – ab. Doch ist die etwas harte Schale des Land-Bewohners erst einmal geknackt, wird der Expat die warmherzige Nachbarschaftshilfe und die intakten dörflichen Strukturen schätzen lernen. Seine Kinder werden in der Dorfschule auf unkomplizierte Art integriert, und in der Nachbargemeinde steht bereits das nächste Gym. Wozu brauchts da die International School? Der Expat wird fürs Morgen-Jogging kein Fitness-Abo lösen und sich auch keinen Stadtpark mit vielen anderen teilen müssen – der nächste Wald ist keine fünf Minuten vom Eigenheim entfernt. Dasselbe gilt für die Naherholung am Wochenende.

Die gegenseitigen Dorf-Kontakte – beim Begg, im Fussballverein oder an der 1.-August-Feier – werden unser Land verändern: Der Eingeborene wird realisieren, dass der zugezogene Fremde keine Gefahr darstellt, sondern eine Bereicherung. Er wird es sich künftig zweimal überlegen, ob er schädlichen Initiativen tatsächlich zustimmen will.

David Sieber

David Sieber

bz

Auf dem Land gibt es kein «Paddy Reilly’s»

Nur in der Stadt können sich die Expats wirklich integrieren. Denn die Basler sehnen sich nach Urbanität

Ich wohne auf dem Land. Gleich hinter der Agglo und kurz vor der französischen Grenze. Es ist schön dort. Ruhig. Entschleunigend. Eine erholsame Oase nach hektischen Arbeitsstunden in der Stadt. Und obwohl man die Scholle noch spüren kann, die uns ernährt, fühle ich mich doch manchmal seltsam hors-sol. Die Zeit und die Energie reichen nicht, um mich ernsthaft ins Dorfleben zu stürzen. Ich bin ein Fremder, obwohl ich im Nachbarort aufgewachsen bin. 30 Jahre Lern- und Wanderjahre haben eben ihren Preis.

Wie soll es da Expats gehen, die aus Amerika, England oder Indien hierherziehen und ihr Arbeitsleben in den Parallelwelten Novartis-Campus und Roche-Turm verbringen? Sollen sie wirklich ihre Familien- und Freizeit einsam in ihren Refugien verbringen, ohne Kontakt zur Aussenwelt? Sollen sie wirklich gezwungen sein, mit Wohlstandspanzern – aka SUV – zur Arbeit und zur International School zu fahren?

Nein. Sie haben es in der Stadt besser. Wenn sie sich erst einmal an die Benützung des Drämmlis gewöhnt haben, wartet eine Vielzahl von Integrationseinrichtungen auf sie. Das «Paddy Reilly’s» etwa und einige weitere Verköstigungslokale, in denen auf Baseldeutsch kein Bier zu bestellen ist. Sie treffen in der Stadt auch Menschen, Einheimische gar, die der englischen Sprache einigermassen mächtig sind. Zumindest reicht es, um ein Pint zu bestellen. Überdies laufen noch etliche Filme im Original und nicht deutsch synchronisiert. Und man trifft seinesgleichen in grosser Zahl.

Auch die Stadt, die sich gerne «urban» nennt, profitiert. An allen Ecken nach englischen Gesprächsfetzen zu schnappen, ist für viele Basler zur Sucht geworden. Sie fühlen sich dann so angenehm weltmännisch. Und denken mit Schrecken, aber nicht ohne Hohn an Zürich, wo das Hochdeutsche Urständ feiert.