Ballettschule Theater Basel
Wo Leichtigkeit auf eiserne Disziplin trifft

In der Ballettschule des Theater Basel drehte er seine ersten Pirouetten. Ab Herbst tanzt Luca-Andrea Tessarini im weltberühmten Ensemble des Hamburg Balletts.

Annika Bangerter
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Im Leben von Luca-Andrea Tessarini dreht sich alles um den Tanz. Mit Herzblut und Leidenschaft meistert er die schwere Körperarbeit.Fotos:

Im Leben von Luca-Andrea Tessarini dreht sich alles um den Tanz. Mit Herzblut und Leidenschaft meistert er die schwere Körperarbeit.Fotos:

Silvano Ballone/ZVG

Klaviermusik, ein lichtdurchfluteter Raum und fünf junge Männer, die in der Luft schweben. Ihre Haare kleben an den Schläfen, ihre T-Shirts sind durchtränkt vom Schweiss. Ein leichtes Beben erschüttert den Boden als ihre Füsse wieder aufsetzen. Luca-Andrea Tessarini schraubt sich erneut in die Luft, dreht sich zweimal um die eigene Achse und landet auf einem Bein.

Der 21-Jährige hat geschafft, wovon viele träumen: Ab Herbst tanzt er für das Hamburg Ballett. Für den Platz an der Weltspitze trainiert Luca Tessarini seit seinem achten Lebensjahr täglich. Gegenwärtig ist er Mitglied im deutschen Bundesjugendballett – und lebt seinen Traum in einer kleinen Companie. Für seine erste Stelle setzte sich der junge Tänzer gegen 130 Mitbewerber durch. Der Intendant des Bundesjugendballetts ist auch der Leiter des Hamburg Balletts: John Neumeier. Luca Tessarini bezeichnet ihn als «eine lebende Legende».

Gemeinsam beginnt die achtköpfige Companie des Bundesjugendballetts ihren Tag mit dem Aufwärmen. Was harmlos klingt, ist schwerste Körperarbeit. Luca Tessarini dreht sein durchgestrecktes Bein in einem Halbkreis langsam um seinen Körper, winkelt es an, balanciert nur noch auf fünf Zehen. Neben ihm wärmt sich ein Ballettschüler auf. Im Gegensatz zu dem Schüler verrät der Schweizer mit keinem Zittern die Anspannung, seine Finger ruhen sachte auf der Holzstange. Im Training wird um Millimeter gerungen, die den Ausdruck präzisieren, die Anmut verfeinern. Die Tänzer wiederholen jeden Tag dieselben Abläufe, perfektioniert Sprünge und Pirouetten.

Eintätowierte Körpersprache

Im Spiegel kontrolliert Luca Tessarini seine Bewegungen: «Wenn ich tanze, erlebe ich das pure Sein, die komplette innere Freiheit.» Sein Training ist auch eine Lektion der menschlichen Anatomie. Je nach Bewegung zeichnen sich unterschiedliche Muskelstränge ab. Auf seinen Schultern prangt ein Anführungs- und Schlusszeichen: Das Tattoo steht für seine Körpersprache. «Mein Tanz ist stets ein Zitat von mir», sagt er. Würde er nicht auf der Bühne stehen, wäre sein Körper komplett tätowiert. Und seine Haare wären kurz. Doch in seinem Beruf steht die optimale Bühnenpräsenz im Vordergrund.

Für seinen Traum verzichtete Luca Tessarini schon auf mehr als auf den eigenen Haarschnitt: Mit elf Jahren verliess er für das Ballettinternat in Stuttgart sein Elternhaus in Kaiseraugst. Die Trennung von der Mutter und den Schwestern fiel ihm schwer: «Ich hatte Heimweh. Die Schule, die Sprache, das Land – alles war neu.» So sehr er seine Familie und sein Zuhause vermisste: Ein Aufhören kam für ihn nicht infrage. Tanzen stand schon damals an erster Stelle für ihn. «Ich konnte mir nie vorstellen, etwas anderes zu machen.»

Seine Passion entdeckte Luca Tessarini zufällig. Als seine Karatestunde ausfiel, schaute er beim Ballettunterricht seiner Schwester zu. Der Besuch, der lediglich die Wartezeit verkürzen sollte, war der Beginn seines Lebensentwurfs. Mit acht Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung für die Ballettschule des Theater Basel.

Kein Tag ohne Schmerzen

Luca Tessarini stammt nicht aus einer Künstlerfamilie. Dennoch musste er seinen Traum nie erklären: «Meine Familie hat mich immer unterstützt, ansonsten hätte ich meinen Weg so nicht gehen können.» Seine Mutter sei unglaublich stolz auf seinen Erfolg, erzählt der junge Tänzer.

Als Ärztin musste sie jedoch erst lernen, mit der schweren Körperarbeit ihres Sohnes umzugehen. «Einen Tag ohne Schmerzen gibt es für Tänzer nicht. Unsere Toleranzgrenze ist diesbezüglich sehr hoch», sagt Luca Tessarini. Wie hoch diese sein kann, wird deutlich, als er von seiner bisher einzigen schwereren Verletzung erzählt. Kurz vor seinem Ausbildungsabschluss in Mannheim brach er sich einen Knochen im Fuss. Trotzdem tanzte er zwei Monate lang weiter – dank starken Schmerzmitteln. Abends wickelte er den Fuss in Quark oder Fangoschlamm. Seinen Abschluss schaffte er trotz des gebrochenen Fusses. Für Luca Tessarini ist sein Körper auch sein Arbeitsinstrument: «Wenn ich morgen die Treppe runterfalle, kann die Karriere vorbei sein.» Der Tänzer versucht die Angst vor Verletzungen auszublenden: «Ich konzentriere mich bewusst nur auf die Gegenwart. Ich kann hier das Leben führen, das ich liebe.»

Er schnürt drei Paare Ballettschuhe an seinen Rucksack, schlüpft in seine Thermoboots mit Schlangenprint. Drei Stunden intensive Körperarbeit liegen hinter ihm, drei weitere Stunden vor ihm. Er wird eine neue Choreografie lernen. Ein Pas de deux. Immer und immer wieder wird er die Tänzerin hoch über seinen Kopf heben. Erschöpft wird er aus der Probe kommen und trotzdem davon schwärmen. Denn kein anderer Beruf verlangt so viel Leiden für die Leidenschaft. Für Luca zählt Ersteres nicht.

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