Basler Stadtgeschichte(n) – Teil 25

Wo sich die Fischer einst aufwärmten: Tag und Nacht mussten die Nasen aus den Fangnetzen geholt werden

Birsbrücke mit Fischerhaus von Süden. Im Vordergrund der Nasenbach mit Stauvorrichtung.

Birsbrücke mit Fischerhaus von Süden. Im Vordergrund der Nasenbach mit Stauvorrichtung.

Es war ein einsames Haus, das einst weit draussen vor der Stadt direkt an der Birsbrücke in der heutigen Breite stand. Genutzt wurde es nur wenige Wochen im Jahr und zu einem Zweck, der uns zurückführt in eine Zeit, zu der an Birs und Rhein vor allem eines vorherrschte: Natur pur.

Beim besagten Haus handelte es sich um das sogenannte «Birshäuschen» oder Fischerhaus, das der Zunft zu Fischern gehörte. Die Zunft – politisch in Einheit mit den Schiffleuten – hielt seit dem Spätmittelalter das Recht auf den sogenannten Nasenfang. Die Nase (Chondrostoma nasus) ist ein Fisch aus der Familie der Karpfen. Der wilde Flusslauf der Birs bot der Nase einst beste Laichgründe. Entsprechend stiegen früher während des «Nasenstrichs» zwischen März und Mai alljährlich tausende Nasen aus dem Rhein in die Birs auf. Dort lauerten ihnen die Basler Fischer auf und machten alljährlich fette Beute.

Froh um zusätzliche billige Nahrungsmittel

Der Frühling war in früheren Zeiten stets eine kritische Jahreszeit. Die Vorräte aus dem vergangenen Jahr neigten sich dem Ende zu, und neue Nahrungsmittel waren noch nicht verfügbar. Die Menschen waren deshalb froh um zusätzliche billige Nahrungsmittel wie etwa die schmackhaften Nasen aus der Birs. Die Mitglieder der Fischerzunft legten für den Nasenfang unmittelbar oberhalb der Birsbrücke ihre Netze aus. Weil so viele Fische ins Netz gingen, mussten die Netze Tag und Nacht geleert werden. Damit die Fischer dies bewältigen konnten, brauchten sie weit draussen vor der Stadt eine geeignete Unterkunft: das Fischerhaus.

Über die Einrichtung des Hauses ist nichts bekannt, aber es handelte sich um einen stattlichen Steinbau mit Ziegeldach. In den kalten Frühlingsnächten und nach der Arbeit im kalten Birswasser mussten sich die Fischer aufwärmen können, weshalb der Rat jährlich Brennholz für das Birshäuschen zur Verfügung stellte.

Seit der Wende zum 16. Jahrhundert hielt die Basler Fischerzunft den Nasenfang als Lehen des Basler Rats, mit dem sie sich die Einkünfte daraus zur Hälfte teilen musste. Die Fischerzunft war eine arme Zunft, waren doch Fischerei und Fischhandel kein besonders lukratives Handwerk und die Zünfter entsprechend froh um zusätzliche Einkünfte, wie etwa aus dem Nasenfang. Neben Zunftherr und Meister wählte die Zunftgemeinde jährlich zwei bis drei «Birsfischer», die am Gewinn beteiligt waren.
Immer wieder kam es bei der Wahl der Birsfischer deshalb zu Streitigkeiten innerhalb der Zunft, da alle Zünfter möglichst profitieren wollten und empfindlich reagierten, wenn sie sich von ihren Kollegen übervorteilt fühlten. Oftmals musste der Rat schlichten und vermitteln. Neben der Aussicht auf reichlichen Gewinn stand für die Birsfischer bei einem schlechten Fang aber immer auch das Risiko, auf ihren Kosten sitzen zu bleiben.

Der Kanal – ein Bach für die Nasen

Die gefangenen Fische wurden nach Basel auf den Fischmarkt gebracht und dort verkauft. Um sie zwischen Fischung und Abtransport frisch zu halten, nutzten die Fischer einen Kanal zwischen dem St. Albanteich und der Birs, den sogenannten Nasenbach. Er liess sich aufstauen und die Frischwasserzufuhr gewährleistete genügend Sauerstoff für die gefangenen Fische. Der Nasenbach ist heute verschwunden, jedoch verdankt ihm der Nasenweg seinen Namen.

Wann der Nasenfang der Fischerzunft an der Birs verschwand, ist unklar. Spätestens 1832, als die Birs im fraglichen Bereich zur Kantonsgrenze wurde, dürfte er aufgegeben worden sein. Auch das Fischerhaus ist komplett verschwunden. Wann es abgerissen wurde, ist nicht klar. Heute erhebt sich etwa an seiner Stelle das neu erbaute Tierheim an der Birs.

Mit den grossen Eingriffen des Menschen in die Flussläufe des Rheins und der Birs im 19. und 20. Jahrhundert wurden die einst wilden Gewässer der Region gezähmt und praktisch gänzlich einer wirtschaftlichen Nutzung unterworfen.

Mit der Natur sind auch die Nasen fast aus der Region verschwunden, denn ihre Lebensräume wurden zerstört. Erst langsam kehren sie dank weitgehender Bemühungen zur Revitalisierung der Gewässer zurück, wobei das Miteinander von Natur und menschlicher Zivilisation gerade in der dicht bevölkerten Region Basel weiterhin zerbrechlich bleiben wird. Das Verhältnis von Natur, Wirtschaft und Kultur wird eines von vielen Themen der neuen Basler Geschichte sein, die im Moment geschrieben wird.

*Marco Geu ist studierter Historiker und arbeitet bei einer Schweizer Gewerkschaft. Sein Schwerpunkt ist die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der frühen Neuzeit. Die Serie «Stadtgeschichte(n)» entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein Basler Geschichte. 

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