Stammbeiz «Ceresio»
Wo sich Legenden zum Filet treffen: Ottmar Hitzfeld und Helmut Benthaus schwelgen in Erinnerungen

Franco Riccardi war der einstige Stammbeizer von Ottmar Hitzfeld und Helmut Benthaus. Noch heute gehen die beiden regelmässig ins Vereinsheim «Ceresio». Mittlerweile ist zwischen den Fussballlegenden und dem Beizer eine Freundschaft entstanden.

Boris Burkhardt
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Ein Filet für Helden in der Coronapause: Franco Riccardi, Ottmar Hitzfeld und Helmut Benthaus (v.l.)

Ein Filet für Helden in der Coronapause: Franco Riccardi, Ottmar Hitzfeld und Helmut Benthaus (v.l.)

Boris Burkhardt

Eigentlich haben Ottmar Hitzfeld und Helmut Benthaus bei ihrem mittäglichen Treffen im Herbst des vergangenen Jahres in der Vereinswirtschaft des TC Riehen gar keinen grossen Hunger. Andererseits muss sie Wirt Franco Riccardi auch nicht lange zu je einem Teller seines berühmten «Filet Ceresio» überreden, jenem «legendären» 300 Gramm Rindersteak aus dem Schwarzbubenland mit einer Sauce «Café de Paris».

Die beiden Fussballlegenden, Hitzfeld aus Stetten, Benthaus direkt aus Riehen, kommen regelmässig zu den Riehener Tennisanlagen in den Holzmühlenweg, nicht zum Spielen – der Sport, den die beiden gemeinsam pflegen, ist Golf – sondern zum Essen ins Vereinsheim «Ceresio» zu Riccardi. Denn die drei kennen sich seit mittlerweile 50 Jahren; und die beiden Fussballer betonen mehrfach, dass es sich bei Riccardi um mehr als eine gute Wirt-Gäste-Beziehung handelt: «Es ist Freundschaft.»

Das «Ceresio» wurde zur Stammbeiz des FCB

Es waren ganz andere Fussballzeiten, als Helmut Benthaus, Jahrgang 1935, 1965 vom 1. FC Köln zum FC Basel wechselte und dort zunächst als Spielertrainer, ab 1971 als Cheftrainer wirkte, und Ottmar Hitzfeld, Jahrgang 1949, 1971 vom FV Lörrach kommend seine Profikarriere beim FC Basel begann. Die Super League hiess damals noch Nationalliga A; und die deutsche Bundesliga gab es erst seit acht Jahren.

Mannschaften wie der FC Basel konnten noch ohne Weiteres in Restaurants mitten im Kleinbasel essen gehen – zur Stammbeiz der Rot-Blauen entwickelte sich damals bereits Riccardis «Ceresio», das sich bei der Claramatte befand. «Franco bietet schmackhafte italienische Küche, die gut zu essen ist: Die Portionen sind gross und die Preise klein», sagt Benthaus mit einem Schmunzeln.

Das Filet Ceresio war damals schon legendär. «Für Spieler, die viel Hunger haben und Eiweiss brauchen», erinnert sich Benthaus und lacht. Tatsächlich sei man damals davon ausgegangen, dass Eiweiss in Form von Fleisch zur Muskelbildung beitrage.

Ich hätte mir das nie träumen lassen.

(Quelle: Franco Riccardi, «Ceresio»-Wirt)

Und Hitzfeld, der unter Benthaus 1971 und 1972 Schweizer Meister wurde, bestätigt trocken: «Von Kohlenhydraten sprach damals keiner. Trotzdem haben wir Leistung erbracht.» Benthaus meint sich zu erinnern, dass die Empfehlung fürs «Ceresio» vor allem dem ehemaligen Trainer Hanspeter Stocker und dem Spieler Roberto Frigerio zu verdanken sei.

Auch nach Auswärtsspielen war das «Ceresio» Stammbeiz des FC Basel. «Die Leute wussten, wo sie uns treffen konnten», erzählt Benthaus. Sogar die Polizei aus der nahen Clarawache habe immer wieder vorbeigeschaut: «Da wurde die Sperrstunde bisweilen um ein, zwei Stunden nach hinten verlegt.»

Eingewandert aus «Bella Italia»

Über das Glück, das inoffizielle Klublokal des FCB zu führen, sagt Riccardi, Jahrgang 1939: «Ich hätte mir das nie träumen lassen.» Riccardi kam bereits mit 17 Jahren aus Parma in die Schweiz und liess sich in Luzern zum Koch ausbilden, bevor er Anfang der Sechziger ins «Ceresio» kam, das er bereits 1964 übernahm. 42 Jahre kochte er dort weiterhin selbst und wurde auch unter FCB-Fans zur Bekanntheit, ehe er 2006 nach Dornach ins Klublokal «Gigersloch» des SC Dornach wechselte.

Vor anderthalb Jahren wechselte Riccardi dann noch einmal den Standort nach Riehen. Der Aufwand war ihm in Dornach, wo es im Vereinsheim viele Veranstaltungen gab, nach dem Tod seiner Frau 2009 zu viel geworden. Den Namen seines Restaurants nahm er erneut mit, obwohl er keine persönliche Beziehung zum Lago di Ceresio hat, wie die Italiener den Lago di Lugano bisweilen nennen.

Kontakt lebte erst nach 2008 wieder auf

Hitzfeld war bereits 1975 als Spieler zum VfB Stuttgart gewechselt; Benthaus folgte ihm 1982 als Trainer. Hitzfelds Karriere führt ihn nach Lugano und Zug, als Trainer nach Aarau, Zürich, Dortmund und München. Erst 2008, als er den Posten als Cheftrainer der Schweizer Nati übernahm, verlegte er seinen Lebensmittelpunkt wieder in seine Heimat Stetten. Damals sei er auch ab und zu nach Dornach ins «Ceresio» gefahren“, erzählt er: «Ich hatte durch Zufall erfahren, dass Franco mit seinem Restaurant dorthin gezogen war.»

Auch der Kontakt zu Benthaus lebte laut Hitzfeld erst wieder nach 2008 auf. Benthaus, geboren in Herne im Ruhrgebiet und seit 1980 Schweizer, war nach seinen Erfolgen in Stuttgart bereits 1986 für eine allerdings erfolglose Saison zum FC Basel zurückgekehrt und blieb danach in Riehen wohnen.

Auch andere Grössen gehen ein und aus

Auch von Riccardis Umzug nach Riehen hat Hitzfeld laut eigener Aussage nur durch Zufall erfahren. «Ich glaube aber nicht, dass er unsretwegen hierhergekommen ist», scherzt er. Für Benthaus ist der neue Standort des «Ceresio» sogar zu Fuss erreichbar. Die beiden Fussballer pflegen ihren Kontakt wie erwähnt beim Golfspiel in Kandern, im Stadion des FCB und eben im «Ceresio», bisweilen auch zu viert mit Gattin.

Auch andere FCB-Grössen wie Urs Siegenthaler sind Riccardi bis nach Riehen treugeblieben und besuchen das «Ceresio» regelmässig. Hitzfeld empfindet den Kontakt mit Fans im Vereinslokal als «angenehm». Auf die Zeit anspielend, die seit seinen und Benthausens grossen Erfolgen vergangen ist, sagt er: «Wer uns kennt, ist Fussballfan.»

Die beiden haben inzwischen ihr Filet Ceresio mit Pommes Frites verzehrt. Es schmecke noch genauso gut wie damals, 1971, finden sie. «nur kleiner ist es», urteilt Benthaus – «und teurer», ergänzt Riccardi lachend.