Kommentar
Wo warst du, als die Mauer fiel?

Martin Dürr erzählt, wie er vom Mauerfall erfahren hat – in einer Welt fernab von den heutigen technologischen Möglichkeiten.

Martin Dürr
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Der Mauerfall von 1989 konnte noch nicht via Push-Nachricht verbreitet werden. (Archivbild)

Der Mauerfall von 1989 konnte noch nicht via Push-Nachricht verbreitet werden. (Archivbild)

Keystone

Wo warst du, als die Mauer fiel? So fragte einer, der meinem Gedächtnis offenbar viel zutraut. Und mir ansieht, dass ich dann schon auf der Welt war. Das sieht man mir immer besser an. Ich wurde grade zum dritten Mal an der Kasse eines Museums gefragt: «Sie sind sicher AHV-Rentner?»

Das liegt vermutlich daran, dass ich mit meiner zweijährigen Enkeltochter unterwegs bin – im Vergleich zu ihr sehe ich wirklich alt aus. Wenn ich dann sage, dass dies noch fünf Jahre dauert, ausser das AHV-Alter wird heraufgesetzt, ist es den Kassierenden ein wenig peinlich. Nicht ganz so peinlich wie mir, als ich mal eine nette Bekannte fragte, ob man gratulieren dürfe und sie völlig irritiert war. Seither frage ich NIE mehr, ob jemand in Erwartung sei, ausser es ist eindeutig der mindestens zehnte Monat angebrochen oder ich befinde mich zufällig grad in einem Gebärsaal, was aber nicht so häufig vorkommt in diesen Tagen.

Jetzt bin ich vom Thema abgekommen, das Thema war, wie Sie sich erinnern, wenn Sie nochmals den Anfang lesen: Wo warst du, als die Mauer fiel? Ich war als junger Seelsorger an meiner ersten Stelle im Paraplegikerzentrum und WWB an der Burgfeldergrenze, wohin damals noch kein Tram fuhr. Dort hatte es im Aufenthaltszimmer einen Fernseher, und jemand hatte mir draussen aufgeregt gesagt, er habe am Radio gehört, in Berlin sei die Mauer gefallen. Liebe Millennials, damals gab es keine Push-Nachrichten, kein Smartphone und, kaum zu glauben, nicht einmal Emojis. Wir mussten noch reden miteinander, wenn wir mit Speeren bewaffnet aus unseren Höhlen kamen, um unser Mittagessen zu jagen.

Ich sass also wie viele andere rund um den Globus völlig gebannt vor dem Bildschirm. Ich traute meinen Augen kaum. Im Grunde geschah nicht allzu viel. Es gab die Bilder mit vielen feiernden Menschen auf der Mauer und unendliche Kolonnen von Trabbis, die über die Grenze kamen. Die interviewten Menschen auf der Strasse sagten ein ums andere Mal «Wahnsinn!» Und ich dachte: Da will ich hin. Aber erstens hatte ich in diesen Tagen noch einige Termine und zweitens kein Auto und drittens gab es noch nicht einmal eine Tramverbindung von der Burgfeldergrenze bis nach Weil. Das Letztere ist eine schwache Ausrede, ich weiss. Aber die anderen Gründe sind es auch. Das bereue ich: dass ich mich nicht einfach auf den Weg machte. Irgendwie wäre ich da hingekommen. Und hätte dieses einsame, wirklich historische Ereignis miterlebt. Ich versuchte, Freunde in der DDR zu erreichen (wenigstens die, die ein Telefon hatten), aber die waren natürlich alle irgendwo unterwegs auf der Strasse oder auf der Mauer. Das ist alles Geschichte. Aber es ist noch unbewältigt. Es braucht Generationen, bis eine so einschneidende Geschichte vom Mauerbau bis zum Mauerfall verarbeitet ist.

Ich hoffe, dass das kollektive Gedächtnis besser ist als mein eigenes. Und dass die Hoffnung auf neues Leben in einem freien Europa nicht nur eine peinliche Fehleinschätzung war. Die Mauern im Kopf stehen noch immer.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.