Eurokurs
Wochenendausflug dürfte für Schweizer zur Schnäpplireise werden

Basels ausländische Nachbarn reagieren verhalten auf erwarteten Einkaufsrush. Fragt sich, ob der niedrige Eurokurs nicht auf Dauer das Leben auf Augenhöhe im Dreiland erschweren und zu atmosphärischen Störungen führen wird.

Peter Schenk
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Alle möchten Euro: Schlange gestern Nachmittag vor der Wechselstube im Weiler Rheincenter.

Alle möchten Euro: Schlange gestern Nachmittag vor der Wechselstube im Weiler Rheincenter.

Kenneth Nars

Nur noch einen Franken kostet der Euro – er droht langsam aber sicher zum Spielgeld zu werden. Für viele Schweizer dürfte der Wochenendausflug zu den elsässischen oder deutschen Nachbarn zur supergünstigen Schnäpplireise werden, denn zusätzlich ist auch noch Ausverkauf.

Die BVB haben sich auf den erwarteten Rush bereits eingestellt: Am heutigen Samstag lassen die Basler Verkehrsbetriebe zu den Spitzenzeiten von 14 Uhr bis 18.30 Uhr zwischen Kleinhüningeranlage und Weil auf der Tramlinie 8 zusätzliche Kurse verkehren, sodass doppelt so viele Personen transportiert werden können. Ausserdem werden die Ticketautomaten an den neuen Kurs von einem Franken für einen Euro angepasst.

Schlangen an Wechselstellen

An den beiden Bankomaten der Basler Kantonalbank (BKB) im Bahnhof Basel SBB waren gestern Mittag keine Euro mehr zu erhalten. Laut BKB sei dies allerdings nur bei stark frequentierten Automaten der Fall. Sie würden im Verlauf des Tages wieder aufgefüllt. Am Hauptsitz der Basellandschaftlichen Kantonalbank in Liestal bildeten sich auch gestern Menschenschlangen vor den Schaltern.

Ebenso im Rheincenter in Weil (D). Wer keine Euro mehr ergattern konnte, dem blieb die Möglichkeit, mit der Kreditkarte zu zahlen. Allerdings fällt dafür ein Fremdwährungszuschlag von 1,5 Prozent auf den umgerechneten Betrag an (Beispiel BKB).

Grenzgänger sorgen sich

67'700 Grenzgänger gibt es in der Nordwestschweiz. Sie alle erhielten aufgrund der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von einem Moment auf den anderen eine Gehaltserhöhung von rund 15 Prozent. Von Begeisterung darüber war allerdings bei den Grenzgängerverbänden nichts zu spüren: «Von mir hören Sie null Jubeltöne. Für die Schweizer Wirtschaft ist das bedenkenswert und für den Fremdenverkehr fatal. Wer dort beschäftigt ist, muss um seinen Job bangen», kommentierte Rolf Eichin von Grenzgänger Info in Lörrach, in dem 7000 Grenzgänger organisiert sind.

Ähnlich tönt es bei Jean-Luc Johaneck, Präsident der elsässischen Grenzgängervereinigung CDTF, die 19'000 Mitglieder zählt. «Kurzfristig kann man sich vielleicht freuen, aber mittel- und langfristig ist das eine Katastrophe. Die Arbeitsbedingungen werden sich verschärfen.» An Lohnsenkungen für Grenzgänger wie dies einige Betriebe beim letzten Kurseinbruch des Euro versuchten, glaubt er nicht. «Aber es wird zu Entlassungen kommen, worauf die Leute zu schlechteren Bedingungen wieder eingestellt werden.»

Einkaufstourismus nimmt zu

Rainer Füeg, langjähriger Herausgeber der Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz und spezialisiert auf das Thema Einkaufstourismus, ist überzeugt, dass er nach einer Plafonierung im letzten halben Jahr wieder zunehmen wird. «Über das Ausmass kann ich nur spekulieren. Die Schweizer Exportfirmen werden den hohen Kurs deutlich spüren und Auslagerungen in die EU dürften Thema werden.» Horst Krämer, Präsident des Detailhandelsverbands Pro Lörrach, kennt nach der Nationalbankentscheidung keine Sieger. «Ein derart hoher Franken und so tiefer Euro kann uns nicht glücklich machen.» Bisher, das heisst gestern Vormittag, sei die Lörracher Innenstadt noch nicht voll von Schweizer Einkaufstouristen. Auch im riesigen Supermarkt Marktkauf im Rheincenter sei das Geschäft gestern Vormittag noch «relativ normal» gelaufen, so Geschäftsführer Ingo Haller.

Irimbert Kastl, Vorsitzender von Weil aktiv, argumentiert ähnlich wie sein Lörracher Kollege: «Wer bei uns Franken ausgibt, muss diese in der Schweiz auch verdienen. Die Preisdifferenz gab es schon vorher. Euphorie fände ich unangemessen.»

Fragt sich, ob der niedrige Eurokurs nicht auf Dauer das Leben auf Augenhöhe im Dreiland erschweren und zu atmosphärischen Störungen führen wird. Manuel Friesecke, Geschäftsführer der Regio Basiliensis, die sich für grenzübergreifenden Zusammenarbeit engagiert, bleibt optimistisch. «Ich zähle auf das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Region und sehe mehr Gemeinsames als Trennendes.» Zudem könne sich der Wechselkurs ja auch wieder in die andere Richtung entwickeln.»

Der Riehener Einwohnerrat Heinrich Ueberwasser (SVP) sorgte sich in einer Interpellation an den Gemeinderat über die Folgen der Euro-Turbulenzen für Riehen. So ging es ihm um die Auswirkungen auf Gewerbe, Einzelhandel, Handwerk und Dienstleistungsbetriebe. Ueberwasser fragte, wie die Gemeinde die Rahmenbedingungen der Betroffenen verbessern könne und inwieweit der Euro-Kurs die Zusammenarbeit bei grenzüberschreitenden Projekten beeinflusst.