Wohnatelierhaus Erlenmatt

Wohnen im selbst gestalteten Betonklotz – in der Erlenmatt wird das Zuhause zur Kunst

Im neuen Wohnatelierhaus auf der Erlenmatt entscheiden die Bewohner selber, wo Dusche, Kochherd, Wände und Türen hinkommen.

Malerisch und ruhig ist es hier nicht gerade. Das im März eröffnete Wohnatelierhaus ist zwar fertig gebaut, fast alle Bewohner sind eingezogen – doch das Haus in der Erlenmatt Ost nahe des Badischen Bahnhofs ist nach wie vor von Baustellen umgeben. In der Ferne dröhnen Drucklufthämmer. Im Innenhof schlängeln sich hohe Absperrungen um Baumaterial und Schutt.

«Man gewöhnt sich daran, auf einer Baustelle zu leben», lacht Conrad Bosshard. Dabei spricht er nicht über die Zustände draussen, sondern über seine eigene Wohnung. Ein Kaffeekocher und die Reste des Mittagessens stehen auf dem Herd. Ein provisorischer Vorhang verdeckt das Bad. Am Boden liegen Holzplatten und Werkzeuge. Hier, in einem der fünf Wohnateliers im Erdgeschoss, wohnt und wirkt der 35-jährige Künstler. Es ist weder eine Baustelle noch eingerichtet oder gemütlich.

Die Ausgangslage für die Bewohner des Wohnatelierhauses war simpel. Wer hier einzieht, wird Teil der Genossenschaft Coopérative d’Ateliers, bekommt eigene vier Wände zu günstigem Mietpreis (zehn Franken pro Quadratmeter und Monat) und bezahlt keine Heizkosten. Dafür dürfen alle ihr Zuhause selber gestalten. Die Innenwände sind unverputzt, Böden und Decken sind aus Beton. Raumteilende Wände sucht man vergebens. Selbst ein Bad oder eine Küche gibt es nicht. Dagegen verfügt jedes Wohnatelier über einen Sanitärblock, der sich aus Küchen- und Badelementen zusammensetzt.

Dass viele der Zuzügler handwerklich begabt sind und selber Hand anlegen, ist kein Zufall. Das Wohnatelierhaus bedingt, dass pro Einheit ein Bewohner oder eine Bewohnerin künstlerisch arbeitet. In Zukunft soll es das Wohnkonzept der Genossenschaft Homebase aber für jedermann und jedefrau geben.

Für Conrad Bosshard ist das der absolute Traum. «Im Prinzip bekommt man einen Betonklotz plus das Sanitärelement. Dann kann man bestimmen, wo was hinkommt», meint der ehemalige Fotografiestudent begeistert. Ende April begann er mit dem Innenausbau seines 60 Quadratmeter grossen Wohnateliers in der Erlenmatt. Immer wieder bewegte er Dusche und Kochherd durch den Raum, bis er die Elemente unter einem Zwischenboden einbaute.

Conrad Bosshard (links) zeigt sein Zuhause

Conrad Bosshard (links) zeigt sein Zuhause 

Zwischen Farbtöpfen und Designermöbeln

Eine Holztreppe führt nun auf die obere Etage, wo sich Schlafnische und Garderobe befinden. Für einen sofortigen, kompletten Innenausbau fehle es ihm bisher an Zeit und Geld, deshalb gestaltet er sein Daheim «peu à peu». Einen Stockwerk höher lebt Barbara Nägelin in ihrem stilvoll eingerichteten Wohnatelier. Die Installations- und Videokünstlerin plante jeden Quadratmeter sorgfältig und lange im Voraus. Hier scheint alles seinen Platz zu haben: Zimmerpflanzen schmücken Regale, Bücher den Couchtisch. In einer Ecke steht ein Hochbett, das von Schreinerin Yumiko Egloff angefertigt wurde und besonders viel Stauraum bietet.

Dank des Betons und der dreieinhalb Meter hohen Decken bleibt der industrielle Charakter des Hauses erhalten, gleichzeitig erinnert hier nichts an die anfängliche Leere. Nägelin liess Wände und Türen einbauen. «Ich möchte nicht auch noch in meiner Arbeit schlafen oder kochen, deshalb war mir ein abgeschlossener Raum als Atelier wichtig», erklärt die Künstlerin.

Von den insgesamt 17 Wohnateliers machen bereits die von Bosshard und Nägelin deutlich: Bedürfnisse, Lebensstile und Umstände – Menschen grundsätzlich – sind verschieden und verändern sich. Auch wenn der «Betonklotz» zu Beginn bei allen fast gleich war (vom Raumvolumen einmal abgesehen), so scheint es, als wäre man in unterschiedlichen Häusern unterwegs. Das Wohnatelier von Künstlerin Elena Politowa und Architekt Lucas Buol zum Beispiel bietet Platz für eine grosse, offene Küche und eine Kunstschule. Anders wohnt bei Damaris und David Berweger nun auch ihre dreimonatige Tochter Una mit eigenem Zimmer.

Architekt Heinrich Degelo, der beim Rundgang dabei ist, schaut sich ebenfalls neugierig um. Einen Moment befindet man sich in einem zeitlosen Loft, das mit Minimalismus und Designermöbeln trumpft. Dann – in einem anderen Wohnatelier – deuten Farbtöpfe und Baumaterial wieder auf den Kraftakt hin, der sich hinter dem Innenausbau verbirgt.

«Es ist jedes Mal faszinierend», nickt Degelo. Viele der Bewohner kennt er inzwischen gut. Gerade weil das Interesse an wandelbaren und nachhaltigen Wohnkonzepten gross ist, sind die Führungen des Architekten sehr gefragt und seine Besuche im Haus somit keine Seltenheit.

Heinrich Degelo (links) staunt jedesmal wieder, was die Bewohner aus den Ateliers machen.

Heinrich Degelo (links) staunt jedesmal wieder, was die Bewohner aus den Ateliers machen.

Schlafen nur bei geschlossenem Fenster

Degelo setzte mit dem Bau des Wohnatelierhauses nicht nur ein Zeichen gegen die ständig steigenden Mietpreise, sondern er baute auch das erste Gebäude der Schweiz, das komplett ohne Heizung auskommt und das ganze Jahr über eine angenehme Temperatur hat. Dies sei dank grossen Lüftungsklappen möglich, die den Bewohnern auch als Fenster und Balkontüren dienen, erklärt Degelo.

Ein automatisiertes System misst den CO2-Gehalt in den Wohnateliers und öffnet die Klappen einen Spalt breit, wenn dieser zu hoch ist oder wenn im Sommer die Temperatur 25 Grad übersteigt. Im Winter speichert ein isoliertes, 80 Zentimeter breites Mauerwerk die Wärme, die sowohl von den Bewohnern selbst als auch vom Sonnenlicht und dem Verbrauch von Elektrogeräten ausgeht.

So ausgeklügelt und zukunftsweisend die Lüftungstechnologie von der Hochschule Luzern und das Leben im Wohnatelierhaus ohne Heizung auch sein mögen, scheint es hier doch einen Knackpunkt zu geben. Der Faktor Mensch, der durch das flexible Wohnkonzept so gestärkt wird, unterliegt bei den Fenstern der automatisierten Steuerung.

Die Räume den verändernden Lebensumständen anpassen, der Geburt oder dem Wegzug eines Kindes etwa: Das geht hier. Doch bei offenem Fenster schlafen? Bisher nicht. Die Fenster und Balkontüren lassen sich zwar auf Knopfdruck elektronisch öffnen, jedoch schliessen sie automatisch nach zehn Minuten. «Das ist extrem gewöhnungsbedürftig. Besonders wenn man gerne mit offenem Fenster schläft», gibt Barbara Nägelin zu.

Heinrich Degelo zeigt sich einsichtig: «Wir müssen noch herausfinden, wie wir das lösen.» Man könne den Bewohnerinnen und Bewohnern schon mehr Freiheiten lassen, gleichzeitig müsse das Lüftungssystem erst technisch begleitet und optimiert werden, erklärt der Architekt.

Die Bewohner nehmen es mit Humor. Unter ihnen besteht bezüglich der Innentemperatur sowieso noch keine Einigkeit. Manchen sei es bei 25 Grad zu kühl, anderen viel zu heiss, schmunzelt Conrad Bosshard. «Wir organisieren uns als Genossenschaft selber. Natürlich ist das sozial herausfordernd und kommt mit einer Verantwortung, aber es schafft auch Möglichkeiten. Zu gestalten, dort wo man lebt, das finde ich schön», sagt der Künstler begeistert.

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