Denkmalpflege

Wohnen in einem erdbebenfesten Kulturschatz

Dieser Dachstock hat das grosse Erdbeben von 1356 überstanden. niz

Dieser Dachstock hat das grosse Erdbeben von 1356 überstanden. niz

Das Haus «Zur Unteren Fläschen» gehört zu den ältesten Häusern Basels mit Baumaterialien aus der ersten Stunde. Jetzt wird es erforscht, ehe es fürs 21. Jahrhundert wohnlich gemacht wird.

Welch wunderbare Geschichten könnte dieses Gebälk erzählen – vom Leben, den Gewohnheiten und Tugenden seiner Bewohner während sieben Jahrhunderten. Das Wohnhaus «Zur Unteren Fläschen» neben der Wirtschaft «Hasenburg» ist eines der ältesten Häuser Basels mit Baumaterialien aus der ersten Stunde. Es war standhaft während des schwere Erdbebens im 13. Jahrhundert.

Bis vor kurzem war es für die Bewohner Unterkunft an zentraler Lage, schlicht, doch bezahlbar – eine Studentenmansarde. Für die Besitzer war das Haus sanierungsbedürftig. Für die Mitarbeiter der kantonalen Denkmalpflege ist das Haus ein Kulturschatz höchster Güte, eine riesige Schatztruhe, in der mit so viel Spannung und Erwartung Stein um Stein, Balken um Balken erforscht und bei jedem ach so kleinen Fund das Herz der Wissenschaft erfreut wird.

Das Haus liegt in einem der ältesten Siedlungsgebiete Basels und damit in der Schutzzone. Mit Gesuch um Bewilligung der Renovation kam der automatische Mechanismus in Gang, dass die Baubehörde die Denkmalpflege auf den Plan ruft. Die Bauhistoriker wurden bei den Aushöhlarbeiten nicht enttäuscht. Zum Vorschein kamen Balken aus dem
13. Jahrhundert und damaligen Malereien: Äste mit grünen und roten Blättern.

Das soll der Bevölkerung nicht länger vorenthalten bleiben: Am Donnerstag lud die Denkmalpflege Interessierte – insbesondere Bauforscher, Architekten und Historiker – zu einem Rundgang ein. Eine lebendige Entdeckungsreise durch sieben Jahrhunderte Baukunst: Materialien, Bauweise und Raum-Einteilung lassen erahnen, wie das Leben damals war, auf was man Wert legte und wie man das Wohnen ausgestaltete.

Offene Fragen

Akribisch bis ins letzte Detail: Jede Auffälligkeit, jede Verfärbung im Balken wird genau untersucht – in der Hoffnung, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Und diese Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen, lässt Kunsthistoriker Martin Möhle durchblicken: «Noch sind viele Fragen offen.» Dass das Haus überhaupt noch steht, verdankt die Stadt einem Umdenken vor 40 Jahren. So wurden die Pläne aus den 50er-Jahren, zugunsten der Mobilität Altbauten bodengleich zu machen und den Autos freie Fahrt und Parkraum in diesem Quartier zu gewähren, in den siebziger Jahren wieder aufgehoben. Es setzte sich die Erkenntnis durch: Modernes zulassen, doch Altes bewahren. Heute wird oft kombiniert.

Mit Gesetzesgrundlage, doch vor allem mit Überzeugungsarbeit und neuen baulichen Möglichkeiten, versuchen die Wissenschafter, die Bauherrschaft zu überzeugen, das Innere des Hauses so umzugestalten, dass die Geschichte des Hauses sichtbar bleibt, nicht überall verdeckt wird mit Gips und Platten.

Trotzdem soll das Haus nicht ein Museum sein, sondern mit der Zeit gehen und fit gemacht werden für die Ansprüche des Lebens im 21. Jahrhundert. «Wir versuchen dies jeweils zu erreichen mit Gesprächen und guter Bauberatung», sagt Bernard Jaggi, Leiter der Bauforschung der kantonalen Denkmalpflege. Dabei stehen ihm auch finanzielle Argumente zur Seite. Die Denkmalpflege übernimmt bis zu einem Drittel der Kosten für die Restaurierung. Auf das Leben nach den Umbauarbeiten und auf die neuen Geschichten, die das Gebälk erfahren wird, darf man gespannt sein.

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