Transport

Wohnungen anstelle der einstigen Pferdeställe: Settelen zieht um

Das Basler Transportunternehmen will sein riesiges Areal an der Türkheimerstrasse teilweise verlassen. Darauf sollen Wohnungen entstehen – aber da kommt der Firma vielleicht die eigene Geschichte in den Weg.

Julius Settelen steht mit dem Rücken zur Wand. Sein Geschäft, ein Rösslitram zwischen den beiden Basler Bahnhöfen, ist dem Untergang geweiht. Schuld ist der Fortschritt: 1892 beschliesst der Grosse Rat eine Strassenbahn; Settelens Pferde werden abgehängt.

Der umtriebige Geschäftsmann sattelt um, als sich ihm die Gelegenheit bietet: Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst kauft er die Basler Droschkenanstalt samt Fuhrpark. Die Kutschen statten sie mit «Taxiuhren» aus, um Betrug seiner Chauffeure vorzubeugen. Autos gibt es zwar erst wenige, Julius’ Bruder Otto fährt eines. Es trägt das Nummernschild BS 2. Dennoch ist unverkennbar: Basel steht am Anfang einer Verkehrsrevolution und Settelen ist ein wichtiger Akteur.

Eine Schuhnummer zu gross

Es ist ein harter kapitalistischer Kampf, den Settelen während Jahren austragen muss. Ökonomisch lohnte er sich: Bereits zur Jahrhundertwende besitzt Julius Settelen weit über 100 Rösser. Ein Areal an der Türkheimerstrasse soll dem florierenden Transportunternehmen als neuer Standort dienen. Es lässt sich nicht mehr sagen, ob Weitsicht oder Übermut die Feder von Julius Settelen führt, als er die Pläne unterzeichnet. Auf jeden Fall ist das Land zu jener Zeit eine Schuhnummer zu gross für den Betrieb.

Nichtsdestotrotz prescht Settelen gemeinsam mit dem Bauunternehmer – die ebenfalls bekannte Firma Stamm – vor: Zwischen Planung und Eröffnung 1907 vergehen nur zwei Jahre. Dennoch ist das zu lange für Julius Settelen. Er ist ausgezehrt von der Arbeit und vielen Engagements nebenher, ein Arbeiterstreik trifft ihn persönlich. Noch vor dem Umzug stirbt er an einem Gallensteindurchbruch. Es ist an seiner Frau Julie, die Firma in ein neues Zeitalter zu führen.

Den Ambitionen ihres Mannes ist es zu verdanken, dass die Firma bis zum heutigen Tag an der Türkheimerstrasse residiert. Baulich hat sich wenig verändert. Das liegt auch daran, dass Settelen und Stamm damals auf den noch recht unbekannten Eisenbeton als Material setzten.

Wer heute das Settelen-Areal betritt, spürt entsprechend noch viel vom Groove des einstigen Pferdefuhrbetriebs. Natürlich: Die PS stecken in Motoren statt Stallungen und statt 550 Tonnen Heu lagert Settelen Möbel ein. Längst wohnen die Knechte nicht mehr neben ihrer Arbeitsstätte. Doch die Fassade mit dem markanten Fachwerkbau neben dem Eingangstor sieht aus wie während der Planung in einem Stahlstich festgehalten.

Ähnliche Herausforderungen

Im Inneren der alten Mauern befindet sich das Büro von Stephan Settelen. Er leitet das Unternehmen in vierter Generation. Obwohl mehr als ein Jahrhundert zwischen ihm und seinem Vorfahren liegt, klingen die Probleme der beiden sehr ähnlich. Wieder muss die Firma mit dem technischen Fortschritt mithalten, wieder muss sie sich baulich neu aufstellen.

So wie damals die Pferde aus dem Stadtbild verschwanden, sind es heute nach und nach die grossen Autos, Lastwagen und Cars. Statt Benzinmotoren treten Elektroautos ihren Siegeszug an.

Es ist gut möglich, dass Stephan jener Settelen sein wird, der die Firma zu grossen Teilen von ihrem Standort wegzügelt. Einst am Stadtrand und mit freiem Blick aufs Elsass, befindet sich das Gebiet an der Türkheimerstrasse 120 Jahre später mitten im Siedlungsgebiet. Wohntürme umwuchern die frühere Industriebrache. Der markanteste davon ist sicher der Ahornhof:
ein grauer Klotz mit über zehn Stockwerken, der die gesamte Gegend beherrscht.

Ein Transportunternehmen im Herzen eines Wohnquartiers ergibt keinen Sinn. Mehrfach schon wälzten die Familienunternehmer Pläne, das Hegenheimerquartier zu verlassen. Im letzten Jahrhundert hätte das Gebiet radikal und zusammen mit einem Grossverteiler überbaut werden sollen. Daraus wurde nichts, jetzt erst läuft ein konkretes Projekt.

«Ziel ist es, die Hälfte des Areals mit Wohnungen zu überbauen», sagt Settelen. Es wäre so schon ein grosser Schritt für das Traditionsunternehmen, das so an seiner Geschichte festhält, dass es sich sogar den Luxus eines eigenen Historikers leistet. 80 Wohnungen fänden wohl Platz auf den über 4000 Quadratmetern, von einem bis fünf Zimmer gross. Das Unternehmen käme derweil im Umland besser unter.

Plötzlich unter Schutz

In Zeiten der Wohnungsknappheit ein willkommenes Unterfangen, möchte man meinen. Settelen aber kommt die eigene Geschichte in die Quere: 2012 flatterte ihm ein Brief vom Kanton ins Büro. Darin stand, die «kleine Burg» sei in das Inventar schützenswerter Bauten aufgenommen worden. «Besonders zu erwähnen ist im Hof die eiserne Hallenkonstruktion, die vergleichbar ist mit den etwa gleichzeitig errichteten Perronhallen des Bundesbahnhofs. Alle Bauten sind weitgehend original und in gutem Zustand erhalten», notiert die Denkmalpflege in einem Bericht.

Settelen suchte das Gespräch mit den Denkmalpflegern, um den Rahmen für eine Überbauung abzustecken. Unter Schutz steht fast die Hälfte des Gebiets; die Fassade müsste auf jeden Fall erhalten bleiben. Sonst wäre der Plan gewesen, das gesamte Areal für den Wohnungsbau zu nutzen. Dennoch ist Stephan Settelen nicht ganz unglücklich darüber: «Es ist gut, bleibt die Historie dieser Firma in irgendeiner Form erhalten.»

Gleichzeitig will er das Unternehmen fit machen für die kommende Stabübergabe an die nächste Generation. «Perfekt wäre ein Mix aus Gewerbe und Wohnen», sagt Settelen. Die Garage mit dem Autoverkauf und -verleih möchte er am jetzigen Standort behalten. Das Umzugsgeschäft und die Cars zögen in die Peripherie.

Der 56-jährige hat deshalb Architekten in einem Varianzverfahren eingeladen, sich Gedanken zu machen. Bis Ende Jahr soll feststehen, wie das Areal in der Zukunft aussehen könnte, danach soll das Baugesuch eingereicht werden. Die Fristen sind heute freilich länger als zur Gründerzeiten. Einen Bautermin gibt es noch nicht und überhaupt ist noch vieles unklar. Die Ziele steckt sich Stephan Settelen gleichwohl hoch: «Das Projekt muss so gut sein, dass Architekten aus dem Ausland auf Stadtführungen hierhin kommen.» Julius Settelen hätte das gefallen.

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