Wochenkommentar
Wozu Geschichte nützlich ist

«Dann studieren sie Geschichte, und das braucht es ja nun gar nicht.» Mein Freund regte sich in der Diskussion über Schul- und Studienfächer so auf, dass er sogar einen roten Kopf kriegte.

Matthias Zehnder
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Gladiatorenkampf am Römerfest in Augusta Raurica. ho

Gladiatorenkampf am Römerfest in Augusta Raurica. ho

Geschichte, fand er, sei völlig unnötig. Was vorbei sei, könne man getrost vergessen, und auf all die Historiker habe niemand gewartet. Statt Geschichte solle die Schule besser Wirtschaft unterrichten. Oder Recht. Dann hätten die Schüler auch eine Chance, ein Auskommen zu finden.

Stimmt das? Ist der Blick zurück bloss unnötige Unterhaltung? Das Römerfest in Augst an diesem Wochenende schon fast schädliche Folklore? Dann wäre demnach die Doppelseite über die Römer in dieser Zeitung unnützer Tand? «Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt», sagte niemand Geringerer als Mahatma Gandhi. Lernen wir tatsächlich nichts aus der Geschichte?

Gandhi hat, das ist eine bittere Erkenntnis, vermutlich recht in dem Sinn, dass die Menschheit tatsächlich viele Fehler wiederholt hat. Heisst das auch, dass der einzelne Mensch sich der Geschichte verschliessen soll? Drei Gründe, warum es sich lohnt, sich mit unserer Vergangenheit zu beschäftigen und die Geschichte der Schweiz und Basels besser zu kennen:

Geschichte schafft Wissen. Gandhi mag mit seiner bitteren Beobachtung in Bezug auf die Geschichte der Menschheit recht haben – aber woraus sollen wir lernen, wenn nicht aus der Geschichte? Cicero sagte: «Historia magistra vitae» – frei übersetzt: Die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens. Unsere persönliche Geschichte besteht aus den Erfahrungen, die wir machen. Aus etwas anderem können wir gar nicht lernen. Warum nicht versuchen, aus den Erfahrungen früherer Menschen etwas zu lernen?

Geschichte schafft Identität. Was wir sind, das sind wir unserer Geschichte wegen. Ein Mensch ohne Gedächtnis ist ein Mensch ohne Identität. Das gilt nicht nur für einen einzelnen Menschen, sondern auch für eine Stadt oder ein Land. Die Geschichte hat unsere Stadt geprägt und sei es bloss städtebaulich. Aus der Geschichte heraus haben wir unsere Kultur entwickelt. Diese Geschichte zu kennen, heisst, die Stadt besser zu verstehen. Das beginnt nicht notwendigerweise bei den Römern, aber es ist doch spannend zu wissen, dass schon vor mehr als 2000 Jahren auf dem Münsterhügel in Basel Menschen gelebt haben.

Geschichte macht frei. Niemand hat das schöner gesagt als Kurt Tucholsky, deshalb lassen wir ihn hier am besten gleich selbst zu Wort kommen: «Wer die Enge seiner Heimat ermessen will, reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte.»