Herr Lengwiler, werden Sie Ihre Studenten in das Stück «Angst» schicken?

Yvan Lengwiler: Nein. Ich würde es niemandem empfehlen. Ich gehe eigentlich sehr gern ins Theater und in die Oper, aber diese Inszenierung war eine Enttäuschung.

Warum?

Man erfährt nichts über den Finanzmarkt. Und man erfährt auch sehr wenig über den Thriller «The Fear Index», auf dem es basiert. Stattdessen beschränkt sich die Basler Inszenierung auf ein billiges Bankerbashing. Die Banker werden als triebhafte Wesen dargestellt, die sexuell erregt werden, wenn sie Geld sehen. Das wird dem Buch nicht gerecht, und das hat wenig damit zu tun, was das Buch über die Finanzmärkte zu sagen hat. Der Regisseur hat erstaunlich wenig aus der Vorlage herausgeholt. Ich finde es schade, dass er so populistisch ist und die Banker einseitig lächerlich darstellt. Das gibt keine neuen Einsichten.

Das gleichnamige Buch hat Ihnen neue Einsichten gebracht?

Das Buch nimmt ein altes Thema neu auf: die künstliche Maschine oder Intelligenz, die Oberhand über ihren Schöpfer gewinnt. Ein Stoff, der in vielen Varianten in der Literatur und im Film aufgenommen worden ist, zum Beispiel in Goethes Zauberlehrling oder den Terminator-Filmen. Der Autor Robert Harris hat dieses Thema in den Kontext des Finanzmarkts gestellt. Die Angst vor der nicht mehr beherrschbaren Technik wird in Zusammenhang mit der Finanzkrise reflektiert. Das ist originell und hat eine neue Aktualität.

Gibt es auch etwas, das Ihnen am Stück gefallen hat?

Am Anfang gab es einen Überraschungseffekt: Alle Banker sind als Höhlenmenschen dargestellt. Das ist ein netter Gag.

Die Finanzleute als Neandertaler, hat das etwas?

Die Inszenierung suggeriert, dass das alles triebgesteuerte Menschen sind. Ich glaube, das ist weder in der Realität so, noch entspricht das der Intention der Buchvorlage. Der Autor beschreibt die Hauptperson, Alex Hoffmann, als besessen, aber ausgesprochen wenig triebhaft. Er ist ein Kopfmensch, der eine künstlich intelligente Maschine erschaffen will. Geld hingegen interessiert ihn überhaupt nicht. Auch das geht in der Inszenierung völlig unter.

Jetzt mal abgesehen von der Romanvorlage: Was halten Sie von dieser Typisierung der Finanzkaste als Neandertaler?

Natürlich haben wir alle auch ein Stammhirn, das Triebhafte steckt in uns drin. Aber es steckt eben viel mehr in uns als das. Möglicherweise wird umgekehrt auch der Neandertaler zu Unrecht verunglimpft; es gab auch unter den Höhlenmenschen Völker, die ihre Toten bestatteten und künstlerisch tätig waren.

Haben Sie das Stück als Provokation empfunden?

Die ganze Inszenierung ist darauf ausgelegt, zu provozieren. Sie ist sehr laut, es wird darin dauernd gebrüllt, das Ganze ist ein zwanghafter, fast pubertärer Versuch, zu provozieren.

Und hat es Sie provoziert?

Überhaupt nicht.

Die Finanzkrise ist nun schon einige Jahre alt, wir lesen täglich darüber. Gibt es Ihrer Meinung nach noch wunde Punkte, mit denen ein Theaterstück die Gesellschaft weiter aufrütteln könnte?

Ich glaube, mehr Provokation ist gar nicht nötig. Wir sind alle schockiert über das, was passiert ist. Was bringt es nun, noch mehr schockiert zu werden? Ich kannte den Regisseur, Volker Lösch, zuvor nicht. Er scheint allgemein auf Skandale aus zu sein. Ich bin enttäuscht, dass das beim Theaterpublikum das entscheidende Kriterium sein soll. Theater könnte und sollte mehr sein als Provokation. Es sollte neue Einblicke verschaffen oder es kann Emotionen transportieren. Das ist hier nicht gelungen.

Wenn man als Arzt eine Ärzteserie anschaut, fallen einem viele Fehler auf. Wie ist es Ihnen als Ökonom in einem Wirtschaftsstück ergangen?

Die Inszenierung hat so wenig mit dem Finanzmarkt zu tun, dass auch keine konkreten Fehler zu finden waren. Die geldgierigen Affen haben alles übertönt.

Hat Sie doch irgendetwas überrascht an diesem Theaterabend?

Ja, der Durchhaltewillen der Schauspieler. Es ist eine beachtliche körperliche Leistung, zwei Stunden lang im Chor zu schreien. Und am Schluss beim Applaus hat mich überrascht, dass einige Leute übertrieben begeistert gejubelt und gepfiffen haben.

Müsste man inzwischen Mitleid haben mit den Bankern, statt weiter auf ihnen herumzutrampeln?

Das nicht. Aber jetzt, wo sie am Boden sind, ist es zu einfach, auch noch auf ihnen herumzutrampeln. Es gibt nicht nur ein Schwarz oder ein Weiss. Ich wünschte mir, dass das Theater die Zwischentöne zeigte.

Wie könnte denn ein Regisseur die Finanzkrise dramaturgisch originell umsetzen?

Ich würde mir nicht anmassen, einem Profi-Regisseur Tipps zu geben, wie er sein Theater machen soll. Genauso wenig würde ich von ihm finanzielle Tipps entgegennehmen.

Was halten Sie generell davon, wenn Nicht-Ökonomen, etwa Theatermacher, sich mit Themen wie der Wirtschaftskrise auseinandersetzen?

Ich finde das grundsätzlich sehr wichtig. Ich glaube, dass Kunst gesellschaftliche Prozesse reflektieren kann. Es wäre nicht gut, wenn man diese Diskussionen nur den Fachleuten überliesse, das wäre viel zu eng. Ich lese auch nicht nur Fachliteratur, ich lese selbstverständlich auch richtige Literatur. Als ich vom Roman «Angst» hörte, habe ich das Buch sofort gekauft.

Durch diese Krise hat die ganze Ökonomiebranche gelitten. Wie geht man an der Uni damit um?

Wir sind keine Interessenvertreter der Finanzbranche, wir sind nicht mit ihr verbandelt. Sie ist unser Studienobjekt. Diese Krise wird wohl noch eine Weile andauern. Wir lernen ständig dazu, wir lernen sozusagen am offenen Herzen.


«Angst» läuft am Freitag und an weiteren Abenden am Schauspielhaus des Theaters Basel.

Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber.

Im Theater mit der bz

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