«Pleasantly frustrated» soll sein, wer ab November das neue Serious Game zum Basler Merianplan spielen wird. Denn zu einfach will man es den Nutzern dieses lehrreichen Online-Spiels nicht machen. «Pleasantly frustrated» ist man auch als Teilnehmerin des ersten Schweizer «stARTcamps», das am Montag im Historischen Museum Basel (hmb) stattgefunden hat. Am Ende dieser Tagung rund um den Einsatz digitaler und sozialer Medien in Kulturinstitutionen wünschte man sich eine zweite Festplatte für das eigene Gehirn. Der Kopf schmerzt ganz analog. So viele Informationen, so viele Anregungen, so viele neue Kontakte.

Sogar aus dem Jüdischen Museum Wien, aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe oder aus dem Ruhrgebiet waren die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hergekommen, um sich in Basel etwa mit Vertreterinnen des Schaulagers oder der Fondation Beyeler auszutauschen. Wer wollte, konnte morgens spontan eine sogenannte Session anbieten: eine Präsentation zu einem bestimmten Thema. Um dem Schweizer Sicherheitsbedürfnis gerecht zu werden, hatten die Veranstalter für die erste Schweizer «Unkonferenz» dieser Art zudem einige Sessions bereits aufgegleist – etwa diejenige von Daniele Turini, eCulture-Chef des hmb, über das von seinem Haus mitentwickelte Serious Game. Am Ende musste man sich als Teilnehmerin fünf Mal zwischen je drei Vorträgen entscheiden. Es schien jedes Mal eine geglückte Entscheidung zu sein: dicht, informativ, inspirierend.

Bombardement via Whatsapp

Ein Höhepunkt war für die meisten die Präsentation von Daniel Stahl, Reporter bei der Tageszeitung «Heilbronner Stimme». Anstatt den 70. Jahrestag des Luftangriffs der Alliierten auf Heilbronn mit den üblichen historischen Photos und Zeitzeugen-Gesprächen abzudecken, beschloss ein kleines Team die «Operation Sawfish» dieses Mal auf neue, ganz besondere Weise anzugehen: Sie würden das Ereignis via Whatsapp in Echtzeit erzählen. Acht Wochen dauerte die Vorarbeit. Zu überwinden gab es Ängste – Tausende von Menschen erstickten damals in der von 250 000 Bomben getroffenen, brennenden Stadt, entsprechend emotional ist das Ereignis bis heute aufgeladen. Zu sammeln galt es Bilder, Berichte, Karten und mehr in etlichen Archiven.

Interessierte konnten sich via Nachricht per Whatsapp anmelden. 2500 Personen gaben ihren Account frei – viel mehr als erwartet. Dann nahm die Geschichte am 4. Dezember 2014 um 17.30 Uhr von Neuem ihren Lauf: «Der 4. Dezember 1944 ist in Heilbronn ein nasskalter Montag. Am Tag zuvor haben die Menschen den ersten Advent gefeiert. Die Nacht haben viele im Luftschutzkeller verbracht, wie zuletzt jede Nacht. Die Angst vor Luftangriffen ist gross. Seit Beginn des Zweiten Weltkriegs gab es in Heilbronn schon 279 Mal Fliegeralarm, auch einige Bombenangriffe.»

Im Abstand von minimal fünf Minuten wird nach und nach über diesen sehr persönlichen Nachrichten-Kanal das historische Ereignis nacherzählt, ergänzt von Karten und Bildern. Es ist ein Miterleben und Lernen. 1500 Personen geben den Machern eine positive, persönliche Rückmeldung. Das Ganze ist ein grosser Erfolg. Emotional, direkt, originell und informativ – so funktionierte dieses Whatsapp-Ereignis, so funktioniert fast jeder geglückte Einsatz neuer digitaler Medien. Die Medien sind neu, die Bedürfnisse uralt: gute Geschichten, gut erzählt. Storytelling sagt man dem heute.

Eine Ergänzung, kein Ersatz

Co-Organisator Axel Vogelsang von der Hochschule Luzern präsentierte in seiner Session Dutzende von weiteren Beispielen, wie Museen digitale Möglichkeiten klug und kreativ einsetzen. Das Field Museum in Chicago produziert eine eigene Filmserie mit Fieldtrips und zeigt diese auf seiner Seite. Das Fotomuseum Winterthur betreibt eine Plattform mit Essays über neuste Trends der Fotografie – es hat darin nun die Themenführerschaft. Eine App des Londoner Street Museums ermöglicht Zeitreisen: Durchs Handy sehen Nutzer, wie es früher aussah, wo auch immer sie gerade sind. Erstaunlicherweise lockte die App auch Tausende ins Museum. Denn das ist allen Institutionen wichtig: Das Digitale soll das Analoge nicht ersetzen. «Es sei kein Entweder-oder», lautete am Ende das Fazit Wolfgang Szabós vom Zürcher FabLab, sondern ein «Digital UND Analog».

www.startcamp.ch