Rutschmadame
Zeitreise in die Freiheit

Martina Rutschmann
Drucken
Teilen
Eine Zeitreise in die Vergangenheit - oder doch nur nach Basel?

Eine Zeitreise in die Vergangenheit - oder doch nur nach Basel?

Nicole Nars-Zimmer

Was war das für ein Trip! Jahrzehnte hab ich diesen Moment herbeigesehnt, und dann – war er plötzlich da. Ich habe eine Zeitreise gemacht! Wie Marty McFly in «Back to the Future». Allerdings traf ich in der Vergangenheit weder meine jungen Eltern noch Indianer. Gewundert hätte mich beides nicht. Denn ich war weit weg von meiner Gegenwart. Diese spielt meist im Elsass, wo ich lebe. Hier ist wieder Lockdown. Restaurants zu, Kinos auch, Freunde treffen – verboten. Verlasse ich das Haus, muss ich auf einem Formular begründen, ob ich Essen kaufe, zum Arzt gehe oder den Hund ausführe. Letzteres darf ich eine Stunde im Umkreis eines Kilometers. Heftige Massnahmen, die der Präsident verkündet hat, aber, so sagte er, unumgänglich, um die Versorgung in den Spitälern gewährleisten zu können.

All das konnte ich kurz vergessen, als ich mich in einer belebten Strasse in Basel wiederfand und Menschen sah, die vor Freiheit nur so strotzten. Einige trugen zwar Maske, aber längst nicht alle, warum auch unter freiem Himmel, so fies wird das Virus ja nicht sein. Wie schön es war, als wir in Frankreich auch noch so frei leben durften. Lang ist es her. Seit April habe ich an unserem Markt nie mehr ohne Maske eingekauft. Und alle anderen im Dorf auch nicht. Wo viele Leute nah beieinander sind, tragen wir Maske.

Ich wollte gerade meine «Attestation de déplacement» zücken, als zwei Polizisten des Wegs kamen, doch dann sah ich einen Bettler und dachte: Glück gehabt, der Mann ist verdächtiger als ich, mir sieht man ja nicht an, dass ich die Zeit überzogen habe und längst daheim sein sollte. Moment mal, welche Zeit? Ich bin auf Zeitreise, da gibt es keine Uhr. Also suchte ich nach einer Veranstaltung mit 50 Leuten, wenn ich schon mal da bin. Vor lauter Schwatzen vergass ich, dass ich mich in einem Land befinde, das erstmals überhaupt Weltmeister ist und erst noch in der Virusdisziplin. Erst, als ich wieder in der Gegenwart war, wurde mir bewusst, in welcher Welt ich wirklich lebe. Weit und breit keine Menschen, kaum Autos auf der Strasse, die Dorfbeiz – zu. Ich ging heim, legte mich aufs Sofa, streichelte den Hund und schwärmte ihm von der unbeschwerten Vergangenheit vor. Den TV stellte ich auf stumm. Was gehen mich die vielen Kranken an? Mir geht es ja gut. Was war das für ein Trip!

Aktuelle Nachrichten