Der Gemüsemann und der Bierkutscher mit seinen Pferden. Sonst fuhren nur Velos auf den Strassen. «Höchstens ein Auto am Tag kam vorbei», sagt Rosmarie Eberle. Die 84-Jährige wuchs im Neubad auf und lebt, nach Abstechern in andere Städte, seit vielen Jahren wieder im Quartier. Als Kind spielte sie auf der Strasse, im Schützenmattpark, auf dem «Tschuttiplatz». Gefahren lauerten nirgends. «Es war ein stilles Quartier», sagt sie. Beim Dorenbach gab es einen Bauernhof, und an vielen Orten, wo inzwischen Häuser stehen, blühten Blumen auf Feldern. Bis auf die Kinder sah man kaum Leute auf der Strasse. «Die Mütter waren am Kochen, die Väter am Arbeiten.» Das Leben war Privatsache.

Der Krieg begann, kurz bevor Rosmarie Eberle im Gotthelf-Schulhaus eingeschult wurde. «Wenn der Alarm losging, mussten wir ins nächste Haus rennen. Ich rannte aber immer nach Hause», erzählt sie. An manchen Tagen sei der Alarm fünf Mal losgegangen.
«Einmal schlug eine Leuchtbombe beim Wielandplatz nahe unseres Hauses ein. Das war unheimlich, doch es kam niemand zu Schaden.» Die wenigsten Anwohner hätten die Alarmregeln befolgt und seien in den Keller gegangen: «Meist blieben wir in der Stube.»

Rosmarie Eberle sitzt in der Eingangshalle des Generationenhauses Neubad an der Holeestrasse. Hier lebt sie zusammen mit anderen Senioren und jüngeren Leuten. Auf drei grossen Bildschirmen läuft eine Art Dia-Show in Schwarz-Weiss. Sie zeigt Fotos aus der Vergangenheit, Fotos aus dem Neubad-Quartier in den Dreissigerjahren.

Verdichtung? Was soll das sein?

Herrschaftliche Einfamilienhäuser, den Gasthof Zum Rössli, das Restaurant Dorenbach, ein Veloladen, die Metallbauwerkstatt Koller, eine Dame mit Hut und Schirm, ein Junge auf dem Dreirad – und viel Raum und Leere. Breite Strassen, wuchtige Gebäude, geräumige Einfahrten. Verdichtung? Verkehrsentflechtung? Was, bitte, soll das sein? Bald kommen neue Fotos zur Ausstellung dazu. Sie werden die Bilder des Staatsarchivs durch private Fotos von Quartierbewohnern ergänzen.

Das Pilotprojekt «Quartier-Schatz» will die Vergangenheit aufleben lassen. Dafür hat der Verein Hey und Bergs Club die Bewohner aufgerufen, ihre privaten Fotoschatullen zu öffnen. Die Ausstellung in Kooperation mit dem Staatsarchiv Basel-Stadt und dem Generationenhaus Neubad soll eine Zeitreise sein – für Menschen, die wie Rosmarie Eberle die Quartierentwicklung miterlebt haben, und für solche, die in eine Welt der Verdichtung hineingeboren wurden. «Es ist toll, was die Bilder bei den Bewohnern unseres Hauses auslösen», sagt Astrid Eberenz, Leiterin des Generationenhauses Neubad. «An viele Dinge konnten sie sich nicht erinnern.» Etwa daran, dass der Schützenmattpark während des Krieges zum Schrebergarten wurde, wo die Anwohner Kartoffeln anpflanzten.

Manches ist gleich geblieben

Rosmarie Eberle selber kann nur durch Erzählungen zur Zeitreise beitragen. Sie besitzt keine Fotos mehr. «Die wenigen, die ich hatte, habe ich aussortiert. Ich dachte, die will sowieso keiner sehen.» Als Mitglied der Gemeinschaft des Katharina-Werks war Rosmarie Eberle als Schwester im ganzen Land tätig. Sie betreute «erziehungsschwierige» Mädchen. Zu Beginn ihres Lebens, als Schwester, tat sie das in Basel, am selben Ort, wo sie jetzt lebt. Nach ihrer Damenschneiderausbildung zog es sie aus religiösen Gründen in das katholische Haus, sagt sie. «Ich wollte mich für sozial Schwächere einsetzen.»

Eine Tracht trug sie nie. «Die Leute hätten sofort gemerkt, wo die Mädchen, mit denen ich unterwegs war, leben», sagt sie. «Ich wollte die Mädchen schützen.» Damals drohten Erwachsene den Mädchen, die sich nicht benahmen, mit dem «Kätherliheim». «Manche der Bewohnerinnen kamen zuvor mit dem Gesetz in Konflikt, andere hingen einfach auf der Strasse herum», sagt Rosmarie Eberle. «Heute ist es unvorstellbar, dass jemand deswegen ins Heim kommt.» Damals aber fackelte das Sozialamt nicht lange.

Trotz aller Veränderungen ist Rosmarie Eberle erstaunt, wie vieles noch gleich ist im Quartier: «Zwei Ecken des Neuweilerplatzes sehen noch genau aus wie früher», sagt sie mit Blick auf die Dia-Show. Sie ist gespannt, welche Bildschätze die Bewohner noch auftreiben können. Wer weiss, vielleicht ist sie selber auf einem der Fotos zu sehen?

Mitmachen: Am Mittwochnachmittag, 16. Mai, werden von 15 Uhr bis 17 Uhr im
Foyer des Generationenhauses Neubad an der Holeestrasse 119 weitere Fotos entgegengenommen. Die öffentliche Ausstellung geht am 1. Juni in die zweite Runde.