Altersvorsorge

Zeittauschbörse für Rentner ist in Basel nicht gänzlich vom Tisch

Auch eine Variante sein Zeitguthaben wieder «abzuheben»: Beim flotten Tänzchen.

Auch eine Variante sein Zeitguthaben wieder «abzuheben»: Beim flotten Tänzchen.

St. Gallen machts vor: Fitte Rentner greifen Betagteren bei Alltagsaufgaben unter die Arme - nicht gegen Geld, sondern gegen Zeit. Später wird diese von den Helfern wieder eingelöst. Auch Basel wird wieder über eine solche Zeitbörse diskutieren.

Schon 2007 vertrat Alt-Bundesrat Pascal Couchepin die Vision einer «Zeittauschbörse» für ältere und betagte Menschen. Nach sieben Jahren ist es nun soweit. Mit dem Start des Projekts «Zeitvorsorge» spielt die Stadt St. Gallen seit vergangenem Montag schweizweit eine Pionierrolle. Die Idee dahinter ist simpel: Rüstige Rentner sollen Betagteren bei Alltagsaufgaben unter die Arme greifen - Nicht gegen Geld, sondern gegen Zeit. Zeit, die ihnen gutgeschrieben wird, bis sie sie selbst im Alter wieder einlösen können. Einkaufen, spazieren gehen oder einfach nur plaudern. Dabei wird nicht nach Leistung, sondern nach Stunden gerechnet. 750 Stunden Zeitgutschriften können sich die sogenannten «Zeitvorsorger» auf diese Weise zusammensparen.

Um einer beliebten Redensart zu widersprechen: Zeit ist nicht einfach Geld. Zeit ist, will man sie ökonomisch betrachten, eine zins- und inflationsfreie Alternativwährung. Grundsätzlich eine sinnvolle Investition.

Zeitbanken weltweit

Die Initiatoren von «Zeitvorsorge» sind nicht die ersten, die das erkannt haben: Das Modell in St. Gallen hat bereits einige erfolgreiche Vorläufer. In den USA und in Grossbritannien gibt es die sogenannten «Time-Dollar-Systems», und das japanische «Fureia Kippu» ist heute - 18 Jahre nach seiner Gründung - mit 3 Millionen Mitgliedern die weltweit grösste «Zeitbank». Auch in Deutschland gibt es mittlerweile über 50 ähnliche Projekte - allerdings waren bisher nicht alle erfolgreich.

Ein berühmter gescheiterter Fall ist das Zeitvorsorgemodell der Gemeinde Vorarlberg: Zu viele der Beteiligten wollten nicht in Zeit, sondern in Geld ausbezahlt werden: Das System brach zusammen. Die Ausbezahlung «in bar» ist im St. Galler Modell nicht möglich. Trotzdem werfen Szenarien, wie die aus Vorarlberg, Fragen über die Möglichkeit, oder eben Unmöglichkeit, solcher Zeitbanken auf. Wie sicher ist die Währung Zeit wirklich? Diese Frage stellte sich auch der Basler Regierungsrat in seiner Antwort auf zwei parlamentarische Vorstösse vom 21. Mai. Ausschliesslich auf die Rentner von morgen wollen sich die Zeitvorsorger von heute zumindest nicht verlassen.

Für die Einlösung der gesparten Zeitgutschriften müsste der Staat bürgen - im Fall von St. Gallen mit einem Garantietopf von 3.4 Millionen. «Unter Berücksichtigung der Möglichkeit eines vorzeitigen Scheiterns» müssten zudem schon alleine für die Anfangsphase rund eine Million Franken eingeplant werden. Dies zur Absicherung der «Sparguthaben».

Es geht auch billiger, meint die Basler Regierung und zieht dem Zeitvorsorgeprojekt den «Ausbau der aktuellen professionellen Leistungsbringer» vor. Diese seien schliesslich schon «untereinander eingespielt und koordiniert». Und weiter: «Einfache Pflege- und vor allem Haushaltsaufgaben werden heute schon von der Spitex, gemeinnützigen Organisationen, Freiwilligen oder Angehörigen erbracht.», sagt Philipp Waibel, Leiter des Bereichs Gesundheitsdienste in Basel.

Begreift man die Zeitvorsorgeanbieter als weitere Player im Bereich der Betagtenpflege, könnte eine Konkurrenzsituation entstehen: «Freiwillig Tätige könnten sich durchaus zu Recht die Frage stellen, weshalb sie ihre Leistung nicht mit Zeitgutschriften belohnen lassen.», meint Waibel und unterstützt damit die Skepsis, die auch Elsbeth Fischer-Roth, Geschäftsleiterin von Benevol Schweiz. Dass es bei den bisherigen Leistungsbringern in der Zukunft Engpässe geben könnte, sieht Waibel zwar als Herausforderung. Diese könne im Kanton aber gemeistert werden, weil im Gegensatz zum Rest der Schweiz der Kanton Basel-Stadt vergleichsweise immer «jünger» werde.

Zusammenarbeit statt Konkurrenz

Dass ihr Projekt auch auf Skepsis stossen wird, darauf war Katja Meierhans, Stiftungsrätin der St.Galler «Zeitvorsorge» gefasst. Die bisher angebrachte Kritik wurde deshalb zum grössten Teil schon in das Konzept integriert: «Wir konkurrenzieren weder die Freiwilligenarbeit, noch die professionellen Leistungsbringer. Wir halten uns explizit aus deren Kerngeschäft heraus.»

Sie wollen keine Parallelstrukturen aufbauen, sondern betagten Menschen die Rahmenbedingungen geben, ihre Autonomie optimal zu nutzen, betont Meierhans. Dabei werden sie von der Spitex und Pro Senectute St. Gallen sogar unterstützt: Da bisher noch niemand über Zeitgutschriften verfügt, wird «Zeitvorsorge» von den bestehenden Institutionen auf Einsatzgelegenheiten und Engpässe aufmerksam gemacht.

Dass diese in den nächsten Jahren zunehmen werden, davon ist Meierhans überzeugt: «Ein grosser Teil des Personals in der Langzeitpflege wird in den nächsten Jahren pensioniert werden, während die Zahlen der über achtzigjährigen weiter steigen.» «Zeitvorsorge» treffe den Nerv der Zeit deshalb genau. Dass das Projekt scheitern könnte, hält Meierhans deshalb für sehr unwahrscheinlich. Die dreimonatige Testphase ist bereits erfolgreich überstanden und die kalkulierten Zahlen klingen zuversichtlich.

Nur eine Frage der Zeit

Für Annemarie Pfeifer, Grossrätin der EVP, ist das Thema deshalb auch in Basel nicht vom Tisch. Das hochprofessionalisierte Basler Modell der Betagtenpflege gehöre zwar schweizweit zu den besten, aber gleichzeitig auch zu den teuersten.

Im Moment funktioniere es gut - in fünf bis zehn Jahren könnte die Sache aber angesichts der fortschreitenden Überalterung auch in Basel schon ganz anders aussehen. «Über kurz oder lang muss sich auch Basel überlegen, eine zweite semiprofessionelle Ebene in ihr Modell zu integrieren», meint Pfeifer. Während der nächsten zwei Jahre werde die Basler Regierung nun die Gelegenheit haben, das Projekt in St. Gallen zu beobachten und zu testen. Spätestens dann müsste die Diskussion über ein Zeitgutschriftensystem in Basel nochmals eröffnet werden.

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