Eros hatte seine Truppe im Griff. Er war der Clan-Chef und hat das seiner Schimpansenfamilie zwei Mal am Tag unmissverständlich klargemacht. Adrian Baumeyer, Kurator im Basler Affenhaus, hat jahrelang beobachtet, wie der Schimpansenmann seine Machtposition immer wieder bestätigte: «Er hat gestampft, blaue Fässer gegen das Gitter geschlagen oder mit den Füssen gegen die Schiebetüren gepoltert.» Doch seine legendären Imponierauftritte haben im Alter mehr und mehr abgenommen. In den letzten zwei Jahren sei er ruhiger geworden, sagt Baumeyer. Bis der Schimpansenmann am 10. November mit 52 Jahren schliesslich gestorben ist.

Die Beziehung zwischen Baumeyer und Eros war eine gemischte. Wenn der Kurator den Affen alleine besucht habe, sei Eros zu ihm gekommen und habe ihn begrüsst. Sogar dann, als er nicht mehr richtig gehen konnte. «Wenn ich aber an Führungen mit einer Besuchergruppe aufgetaucht bin, hat er mir seine Abneigung deutlich zu spüren gegeben. Vielleicht hat er sich übers Ohr gehauen gefühlt.»

Biss in den Hintern

Überhaupt war der Patriarch wohl ein guter Menschenleser. Er hat die Zolli-Besucher vor der grossen Glasscheibe schnell in gut und böse unterteilt. «Wenn der vorherige Tierarzt das Affenhaus besuchte, hat Eros ihm seine Abneigung gezeigt.» Hatte er Probleme mit den Schimpansenweibchen, löste er diese auf seine ganz eigene Art. Er biss ihnen nämlich einfach ins «Fudi». Bisse, die Spuren hinterlassen haben und heute an den Hinterteilen der Damen nicht zu übersehen sind. Ausser bei Jacky, der 46-jährigen ranghöchsten Schimpansendame. «Sie durfte sich am meisten erlauben.»

Eros ist bereits der zweite Affenchef, der in diesem Jahr verstorben ist. Erst im Mai hat der Zolli den Gorillamann Kisoro verloren. Die Situation bei den Gorillas ist seit dem Tod ihres Silberrückens jedoch eine andere als bei den Schimpansen, erklärt Baumeyer. Die Gorillas leben als Harem unter nur einem Männchen. Stirbt dieser, fällt die Gruppe auseinander. In einem Schimpansenclan aber leben mehrere Männchen zusammen. Deren Beziehung untereinander ist das Wichtigste, die Weibchen leben nebenher. Sprich: «Wenn der Schimpansen-Chef stirbt, geht das Leben der anderen Affen weiter.»

Schaut man den Schimpansen im Zolli heute bei ihrem Treiben zu, ist dieses Weiterleben gut zu erkennen. Die Stimmung sei zwar immer noch ein bisschen gedrückt, so Baumeyer. Die Tage vor Eros’ Tod lag er, der 1969 aus dem Kanton Bern nach Basel gekommen war, nur noch hinten am Gitter und konnte sich nicht mehr bewegen. Seine Schimpansenkollegen haben ihn nicht links liegen gelassen – im Gegenteil: Sie haben sich um ihn gekümmert und ihm Futter und Jutesäcke gebracht. «Colebe, einer seiner Söhne, hat ihm am Abend jeweils Holzwolle bereitgelegt, dass er schlafen konnte.»

Affen haben sich verabschiedet

Die elf Schimpansen konnten sich nach Eros’ Tod richtig verabschieden. Der Körper des Affen blieb noch einige Zeit in der Anlage liegen. Die Reaktionen unter den Artgenossen seien unterschiedlich gewesen. «Die Weibchen haben ihn angefasst, an ihm geschnuppert.» Der zehnjährige Kume, der erst im vergangenen Jahr aus Osnabrück nach Basel gekommen war, hat Eros in die Hand gebissen. Vielleicht um zu prüfen, ob er wirklich nicht mehr lebt, mutmasst Baumeyer. Und Fahamu, der zweite Sohn von Eros, schleppte seinen toten Vater schliesslich von links nach rechts – weil er wohl selber nicht wusste, was er machen soll.

Eros’ Nachfolger als Clan-Chef wird nun wohl Kume. Sicher sei es nicht und in ein paar Jahren könne sich das wieder ändern, so Baumeyer. Woran der Schimpansenmann Eros gestorben ist, weiss man noch nicht. Fest steht, dass er an Arthrose gelitten hat und sich in den letzten Monaten nur noch mit den Armen fortbewegen konnte. Aber: «Eros hatte ein schönes Leben. Es ist toll, dass er das umgebaute Affenhaus noch erleben durfte.»

Er lässt 32 Kinder zurück

Derzeit leben elf Schimpansen im Zolli. Eros zeugte 32 Kinder – dementsprechend viele Enkel, Urenkel und sogar Ur-Urenkel hinterlässt der Schimpansen-Patriarch. Mit den im vergangenen Jahr neu eingetroffenen Schimpansinnen Fifi (20) und Kitoko (20) hat Eros schnell Freundschaft geschlossen. Diese Offenheit fremden Affen gegenüber ist deshalb erstaunlich, weil er während seiner ganzen Zeit in Basel selten auf Neuzuzüger getroffen ist. Eros wird nicht ersetzt, wie das auch in der freien Wildbahn nicht der Fall ist.