Das ist Tradition. Der Satz ist eine Statue: sich selbst erklärend, unverrückbar, für die Ewigkeit. Er fällt mit einem Schulterzucken als apodiktische Antwort auf die Frage: Warum macht man das eigentlich noch so? Tradition bietet Halt, wenn sich die Welt zu schnell dreht. Sie ist eine sichere Zuflucht vor Frauenstreiks, Klimademos und allen mit Verve durchgesetzten Veränderungen der Gesellschaft.

Wer nicht Schritt hält mit der öffentlichen Meinung, darf nicht auf Vergebung hoffen. Wie Elisabeth Augstburger, die Schwule therapieren wollte. Mit ihrer Aussage bewies sie ihre Unkenntnis auf diesem Terrain und outete sich sofort als vorgestrig. Das Mittel der Empörten: die Schande. Es ist sehr nachvollziehbar, sich in der Unsicherheit darauf zu verlassen: Man habe es ja schon immer so gemacht. Was lange genug gilt, wird irgendwann Identität. Besonders stark tritt das in der Ferne zutage. Weit weg von der Heimat sind auch jene Basler stolz auf FCB und Fasnacht, die das Joggeli noch nie von innen gesehen haben und die «drey scheenschte Dääg» auf der Skipiste verbringen.

In den vergangenen Wochen und Monaten gerieten gleich drei solche Refugien der Region unter Druck. Die Fasnacht führte eine Diskussion über Rassismus, die Zünfte und Ehrengesellschaften stehen vor einer Gender-Debatte und der Zolli verweigert sich einem Diskurs darüber, wie er zeitgemäss Tiere zur Schau stellen soll. Es zeigt sich immer wieder, dass eine Tradition so lange funktioniert, bis sie auf dem falschen Fuss erwischt wird. Von der einen auf die andere Stunde stand die Negro Rhygass in einem nationalen Shitstorm für ein Logo, das in den Jahrzehnten davor nie Anlass zur Beanstandung gegeben hatte. Plötzlich müssen sich Zünfte dafür rechtfertigen, jene Frauen nicht aufzunehmen, die sich nie beworben hatten. Und wegen einer Abstimmung über eine Umzonung muss der Zolli der Öffentlichkeit erklären, ob er denn überhaupt noch tierfreundlich sei. Alle drei unter Beschuss Geratenen reagierten erstmal gleich: nicht. Sie haben sich auf ihre Langsamkeit verlassen und damit gerechnet, dass das andere auch tun. Damit treiben sie ihre Gegner nur mehr an.

In den Anfängen des Abstimmungskampfes ums Ozeanium vertrat der Zolli die Position, gar nicht erst eine Diskussion um Tierhaltung zu führen. Er wisse selber am besten, was zu tun sei, warum also das Interesse? Er hat sich darauf verlassen, eine Tradition zu sein. Der Negro Rhygass ging es ganz ähnlich, nur dass man dort einwenden kann: Die Öffentlichkeit hat viel weniger Mitbestimmungsrecht.

Die grösste Gefahr, gegen eine Wand zu laufen, droht paradoxerweise im Stillstand. Denn genauso wenig wie die Metapher von der Welt als einem immer schneller drehenden Karussell stimmt, bedeutet Tradition tatsächlich das Bewahren des Status quo. Die Fasnacht gerät nur deshalb unter Druck, weil sie sich in den vergangenen Jahrzehnten langsamer entwickelt hat als davor. Manche Tradition, die als ewigbeständig verklärt wird, hat sich in Wahrheit ständig gewandelt. Im Grunde waren Guggenmusiken die letzte grosse Innovation, davor jedoch war das einzige Beständige an der Fasnacht der Wandel. Für Zolli und Zünfte lassen sich locker Analogien finden. Der Grund dafür ist menschlich: Alles, was länger als die eigene Lebensspanne überdauert, empfindet der Mensch als ewig.

Da erscheint eine beschleunigte Veränderung schnell als Revolution. Doch auch das entspricht nicht der Wahrheit: Wer das Zeitgeschehen genau verfolgt und sich einem Dialog nicht verschliesst, der läuft auch nicht Gefahr, plötzlich mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Natürlich könnte man auf der anderen Seite mehr Toleranz fordern für jene, die sich dem Zeitgeist nicht so schnell beugen wollen. Das ist falsch. Der Vehemenz einiger weniger ist es zu verdanken, dass heute Frauen abstimmen können. So entsteht Fortschritt. Entsprechend ist auch der Druck gut, unter den Zünfte, Zolli und Fasnacht geraten. Ich zumindest freue mich darauf, mich dereinst für meine heutigen Ansichten zu schämen.