Ein-Blick

Zu Besuch bei der lautesten Stimme im St. Jakob-Park

«Wenn man nach dem Spiel über mich spricht, habe ich etwas falsch gemacht»: Stadionsprecher Benjamin Schmid.

«Wenn man nach dem Spiel über mich spricht, habe ich etwas falsch gemacht»: Stadionsprecher Benjamin Schmid.

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

Ohne «Schläck-Säggli» geht Benjamin Schmid nicht in sein Kabäuschen. Für den Speaker des FC Basel gehört es einfach zu einem Matchtag im St. Jakob-Park. Es ist sein Ritual.
So auch an diesem Sonntag. Noch 90 Minuten bis zum Anpfiff. Gegner des FCB ist der FC Thun. Schmid geht zum Kiosk, kauft sich den Beutel mit den Schleckereien. «Ich bin schon ein wenig abergläubisch», sagt Schmid. «Das Säggli muss sein.»

bz Video Benjamin Schmid Stadion-Speaker

Das macht Freude: Benjamin Schmid verliest beim Heimspiel gegen den FC Thun vom 28. April den Torschützen zum 6:1 für den FC Basel.

Bisher hat das Ritual Glück gebracht. Schmid steht in seiner elften Saison im Joggeli. Neun Meistertitel hat der 39-Jährige Basler als Speaker miterlebt. Und Sternennächte in der Champions-League. Es gab aber auch wenig erfreuliche Momente während der über 100 Spiele, an denen im Stadion seine Stimme aus den Lautsprechern erklang. Momente, in denen Improvisieren angesagt war.

Plötzlich ging gar nichts mehr

Etwa vor zwei Monaten, am 3. März: Stromausfall – beim Klassiker gegen den FC Zürich. Um 19 Uhr hätte das Spiel beginnen sollen. Kurz nach 19.30 Uhr beschloss der Schiedsrichter, nicht anzupfeifen. Weil auch die Lautsprecheranlage ausgefallen war, musste Schmid auf den Rasen hinabsteigen. Mit einem Megafon ging er die Aussenlinien entlang. «Liebe Zuschauer, leider kann das Spiel nicht stattfinden. Bitte geht doch nach Hause!»

Der Auftritt mit Megafon war einer der wenigen Augenblicke in Schmids Speaker-Karriere, bei denen man ihn nicht nur hörte, sondern auch sah. Er habe eine Funktion im Hintergrund, sagt der dreifache Familienvater, der in Binningen wohnt. Sogar manche seiner Freunde wüssten nicht, dass er Stadionsprecher ist, und das sei gut so, sagt Schmid: «Für den Speaker gilt das gleiche wie für den Schiedsrichter: Wenn man nach dem Spiel über uns spricht, dann haben wir etwas falsch gemacht.»

16:00 Uhr: Anpfiff. Das Heimteam spielt den FC Thun schwindlig. In der 13. Minute fällt schon der zweite Treffer für Rotblau. Die Regie des Stadion TV meldet sich. «Hey, der 24er war auch noch dran, neben dem 6er», sagt die Stimme. Das TV-Team sitzt zwei Stockwerke unter Schmid. Er hat seine Kabine unter dem Stadiondach, im 2. Stock des Sektors A. Dort, wo sich die Logen befinden. Schmid guckt auf seinen Bildschirm, auf dem alle Kanäle des Stadion TV aufgeschaltet sind. Auf einem läuft die Wiederholung des Tors. «Ja, der 24er war auch beteiligt. Ich verlese beide!»

Die Anzeige mit Torschütze und Spielstand erscheint auf den Monitoren. Schmid stellt den Lautstärken-Regler hoch. Dann die Durchsage: «Drittzähnti Spielminute, dr zweiti Träffer für dr FC Basel erzielt dr Spiiler mit dr Nummere zäh: Samuele … , uff Zuespiel vom Spiiler mit dr Nummere säggs: Fabian … , und vom Spiiler mit dr Nummere vierezwanzig: Mohamed …» Die Zuschauer machen mit, ergänzen die Namen der Spieler: Campo! Frei! Elyounoussi!
Der Speaker und das Team vom Stadion TV arbeiten eng verzahnt. Ein Dutzend Personen sind unter anderem dafür zuständig, dass die beiden Grossbildschirme und die unzähligen Monitore im Stadion nie schwarz bleiben. Die Musik vor und nach den Spielen stammt aus Schmids iPod. Die Lieder wählt er selber aus.

Schon im alten Joggeli dabei

Rund fünf Stunden nimmt ein Einsatz in Anspruch. Über die Entschädigung schweigt sich Schmid aus. «Die Bezahlung ist völlig okay», sagt er. «Aber das Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Es ist eine Herzensangelegenheit.» Schmid ist seit Kindstagen FCB-Fan. Im alten Joggeli erlebte er seinen legendären, 2016 verstorbenen Vorgänger: Otti Rehorek.

Vor Publikum zu sprechen, ist sich Schmid gewohnt. Er hat jahrelang beim Radio gearbeitet. 2016 wechselte er als Mediensprecher zu den Basler Verkehrs-Betrieben. Vor seinem Engagement war er Stadionsprecher beim EHC Basel. So wurde Josef Zindel auf ihn aufmerksam. Der damalige FCB-Mediensprecher fragte Schmid an, ein paar Monate später kam er zu seinem ersten Einsatz. Schmid erinnert sich. Es war der 28. Juli 2007. Ein Samstag. Gegner FC Aarau. Endresultat 1:1. Eingelernt wurde Schmid von Michael Köhn, dem anderen FCB-Stammspeaker. Halbjährlich strecken sie die Köpfe zusammen, teilen sich die Heimspiele auf.

17:49 Uhr: Abpfiff. Der FCB gewinnt 6:1. Das «Schläck-Säggli» ist leer, doch es gibt noch einiges zu tun. Um 18:12 ist auch für Schmid Feierabend. Er schliesst die Kabine. Auf den Monitoren leuchtet die letzte Einblendung: «Sali zämme!» 

Meistgesehen

Artboard 1