Auslandschweizer
Zu Besuch in der Heimat – Auslandschweizer treffen sich zum Kongress in Basel

Diese Woche treffen sich Auswanderer zu einem Kongress in Basel. Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen. Bruno Setz organisiert 1.August-Feiern in Kanada, Marcel Grossenbacher ist Unternehmer in Nigeria.

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Auslandschweizer im Portrait

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Juri Junkov
Bruno Setz lebt in Kanada. Am Mittwoch begannen seine Ferien in der Schweiz.

Bruno Setz lebt in Kanada. Am Mittwoch begannen seine Ferien in der Schweiz.

Ken
Auslandschweizer im Portrait

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Juri Junkov

Bye-bye Switzerland

Der Basler Marcel Grossenbacher lernte in Nigeria einen König und heutige Fussballstars kennen.

Bevor Marcel Grossenbacher seinen Koffer packte, musste er einen Blick auf die Karte werfen. Wo liegt Nigeria? Grossenbacher war 21 Jahre alt und hatte mit Afrika «nichts am Hut», wie er sich in seinem Büro in Muttenz erinnert. Neben seinem Pult steht eine fast zwei Meter hohe Giraffe aus Holz; an den Wänden hängen Fotografien eines Löwen, Nebelschwaden über der Savanne. Grossenbacher pendelt heute zwischen Nigerias Hauptstadt Lagos und Basel. Praktisch alle drei Wochen wechselt er seinen Wohn- und Arbeitsort.

Vor 41 Jahren kam Grossenbacher zum ersten Mal in Nigeria an. Als einziger Passagier stieg er aus einem Frachtflugzeug aus. Mitgebracht hatte er sein Schulenglisch, einen Arbeitsvertrag und Abenteuerlust. Der junge Immobilienkaufmann stieg in Afrika ins Metallbusiness ein. Vermittelt hatte ihm den Job ein Bekannter, der bei der Union Trading Company (UTC) arbeitete.

Immer besser verstand Grossenbacher den englischen Slang der Einheimischen; und lernte, sich in der damals 16-Millionen-Stadt zurechtzufinden. In den verstopften Strassen, dem lärmenden Verkehr. «Wer auswandert, muss die Umstände vor Ort akzeptieren. Gelingt einem das nicht, reibt man sich auf und bleibt besser zu Hause», sagt Grossenbacher.

Nie hätte er gedacht, dass er in Lagos länger leben würde. Doch er heiratete dort eine Schweizerin, gründete eine Familie. Als die Tochter gesundheitliche Probleme bekam, kehrten Mutter und Kind zurück in die Schweiz. Für Grossenbacher begann das Leben als Pendler zwischen zwei Welten.

Was hält ihn in einem Land, das für Korruption oder die Terrormiliz Boko Haram bekannt ist? «Die Freundlichkeit der Menschen», sagt Grossenbacher. «Trotz den allgegenwärtigen Problemen haben sie sich eine Lebensfreude bewahrt, die uns Europäern fehlt.» Zudem biete ihm das Land grosse unternehmerische Freiheiten. Als selbstständiger Unternehmer beliefert er die Textil- und Lederbranche mit Zubehör und Seifen. Dreissig Angestellte beschäftige er in Lagos, sagt Grossenbacher und greift zu einem Fotoalbum.

Darin sind Bilder von Zeremonien. Sie zeigen, wie ein Mitarbeiter und enger Vertrauter des Baslers Riten durchführt, um als Würdenträger von einem der Hunderten nigerianischen Könige anerkannt zu werden. Mitten in der Feiergemeinde ist Grossenbacher zu sehen. In Nigeria lernte er auch Schweizer Prominenz kennen: Als die U17-Fussballweltmeisterschaft dort stattfand, half der Schweizer-Club bei der Betreuung der Spieler. Für FCB-Fan Grossenbacher ein Höhepunkt.

In Nigeria pflegt er engen Kontakt zu anderen ausgewanderten Schweizern. Ihre Zahl sei jedoch abnehmend, seine Jassrunde hat sich längst aufgelöst. Früher seien ganze Familien nach Nigeria gezogen, sagt Grossenbacher. Heute würden die Unternehmen Einzelpersonen schicken oder gleich günstige Arbeitskräfte in Indien oder China rekrutieren. Deshalb sei auch der Schweizer-Club von 450 auf 40 Mitglieder geschrumpft. Für ihn sitzt Grossenbacher im Auslandschweizerrat, der diesen Freitag in Basel tagt.

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Bruno Setz lebt in Kanada. Am Mittwoch begannen seine Ferien in der Schweiz.

Bruno Setz lebt in Kanada. Am Mittwoch begannen seine Ferien in der Schweiz.

Ken

Au revoir Suisse

Bruno Setz organisiert in Kanada 1.-August-Feiern mit mehreren tausend Gästen.

Bruno Setz ist eben erst angekommen. Knapp drei Stunden, bevor er die bz trifft, stieg er am EuroAirport aus dem Flugzeug. Wie geht es dem Jetlag? Setz winkt ab. «Non, non, nichts.» Der 75-Jährige lebt seit 50 Jahren in der kanadischen Stadt Montreal. Sein Job führte ihn dorthin. Als 1967 die Expo stattfand, brauchte die Spedition Mitarbeiter vor Ort.

Setz, der zuvor in Paris eineinhalb Jahre lang Französisch lernte und mehrere Monate in London verbrachte, nutzte als ausgebildeter Spediteur seine Chance. Zwei Jahre lang würde er wohl in der Fremde bleiben, dachte er bei seiner Abreise. Es kam anders: Er stieg beruflich auf und lernte eine Kanadierin kennen.

Heute spricht seine Frau Deutsch und koordiniert an der 1.-August-Feier die 150 Freiwilligen. Bruno Setz greift zu seinem Tablet, zeigt Fotos vom Fest: Sänger in Trachten, die Kantonsfahnen an einer Schnur aneinandergereiht, eine grosse Schweizerfahne hängt im Hintergrund. Diese Bühne könnte ebenso gut hierzulande am Geburtstag der Schweiz stehen. Bis zu 3000 Gäste ziehe der Anlass an, sagt Setz. Der Basler ist Vizedirektor der «Federation of Swiss Societies in Eastern Canada».

Dieser Schweizer-Club koordiniert unter anderem die Festlichkeiten am Nationalfeiertag. Es gibt Nussgipfel, Alphornbläser, Fondue und Raclette. Ausgeschenkt wird Schweizer Bier und Wein. Die Produkte gäbe es sowieso in Kanada, sagt Setz. Mit den Tausenden von eingewanderten Schweizern fand auch die Herstellung von Käse oder Cervelat den Weg über den Teich. Und das Brauchtum: «Wir haben die grösste 1.-August-Feier ausserhalb der Schweiz», sagt Setz. Sie ziehe Auswanderer ebenso an wie Kanadier und US-Amerikaner aus der nahen Grenzregion.

Die USA: Eigentlich wünschte Setz sich als junger Spediteur einen Posten in den Vereinigten Staaten. Doch in den Sechzigerjahren tobte der Vietnamkrieg; die amerikanischen Behörden vergaben kaum Visa. Das Nachbarland Kanada zeigte sich offener. Auch gegenüber Setz.
Heute schwärmt er vom «freien Leben in Kanada», dem staatlichen Gesundheitswesen, das allen Einwohnern zugänglich ist. Wer bei ihm die Kanada-Klischees abfragt, läuft jedoch ins Leere: Lachs fischen, Bären jagen, Rodeo reiten?

«Non, non», Setz schüttelt den Kopf. Er sei eher ein Stadtmensch. Dreimal ging er angeln, dreimal fing er nichts. Damit sei das Thema vom Tisch gewesen, sagt er. Lieber spielte er Tennis – und engagierte sich in verschiedenen Schweizer-Klubs. Als Delegierter des Auslandschweizerrates kehrte er zweimal pro Jahr für die Tagungen in seine alte Heimat zurück. Weshalb nahm er diesen Weg auf sich, investierte Geld und Zeit? «Mir gefällt es, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Das war schon in der internationalen Spedition der Fall», sagt Setz.

Sein Amt hat er nun niedergelegt. Sein Nachfolger wird am Freitag die Kanada-Schweizer im Basler Rathaus vertreten. Für Bruno Setz und seine Frau beginnen dieser Tage die Ferien in der Schweiz. Doch dafür müssen sie erstmals richtig ankommen.