Gastronomie
Zu Besuch in der Johanniter Bar, oder: «bei Aziz», dem Wirt mit der Zauberformel

Nirgends in Basel ist das Bier so günstig und das Publikum so durchmischt wie «bei Aziz».

Helena Krauser
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Aziz Ivecen in seiner Bar, wo er den Grossteil seiner Zeit verbringt.

Aziz Ivecen in seiner Bar, wo er den Grossteil seiner Zeit verbringt.

Kenneth Nars

Es war gegen achtzehn Uhr, als der Sprecher im Radio den Lockdown verkündete. Die Johanniter Bar war zu diesem Zeitpunkt fast leer. «Nur wir und Aziz waren da», erinnern sich die Stammgäste Susanne und Ruedi Wälchli. Die drei beschlossen, noch eine Runde Billard zu spielen und dann die Rollläden zu schliessen und zu gehen.

Die folgenden drei Monate waren geprägt vom Abwarten. Ein ungewöhnliches Gefühl für den Geschäftsführer und Inhaber der «Johabar» Aziz Ivecen. So etwas wie freie Tage kennt er eigentlich nicht. Normalerweise arbeitet er jeden Tag bis zwei Uhr morgens hinter dem Tresen, am Wochenende sogar bis um vier. Im Hinterzimmer steht deshalb ein Bett. «Wenn meine Frau da ist, kann ich manchmal kurz eine Pause machen und mich eine halbe Stunde hinlegen», sagt er. Wenn er doch ab und an mal ein bisschen Freizeit hat, geht er gerne mit seiner 12-jährigen Tochter und seinem 22-jährigen Sohn baden. Aber nur in der Badi: «Der Rhein ist nichts für mich». Oft ist er aber nicht unterwegs. Wer die Johabar kennt, weiss: Aziz Ivecen ist eigentlich immer da. «Die Johabar ist mein Leben.», sagt er und springt auf, um einem Gast ein Bier zu bringen.

Wenn man Aziz Ivecen auf Details aus seinem Leben anspricht, antwortet er nur sehr rudimentär. Er sei mit 15 Jahren in die Schweiz gekommen. Vorher habe er mit seiner Familie in Maraş, einer Stadt im südlichen Teil Anatoliens in der Türkei gelebt. Dort verbringe er noch heute alljährlich ein paar Tage. Zur politischen Lage in seinem Herkunftsland möchte er sich aber nicht äussern. «Ich interessiere mich weder für die Politik in der Türkei noch für die in Basel. Solange ich keinen Stress habe, ist alles gut.» Er arbeitete als Gabelstapler, auf Baustellen und in Laufenburg in der Chemie. Vor dreizehn Jahren eröffnete er dann die Johanniter Café-Bar.

Wer die Gäste der Johabar fragt, warum sie hierher kommen, erhält immer wieder die gleichen zwei Antworten. Das Bier ist so günstig wie sonst nirgends – vier Franken zwanzig kostet die Stange Bier – und wahlweise: Hier kann man gut Billard, Dart, Flipper, Tischfussball oder Backgammon spielen. Vielleicht ist dieses breite und günstige Angebot der Grund dafür, dass seit Jahren die unterschiedlichsten Menschen in die Johabar pilgern.

Achtzig Prozent weniger Umsatz seit Corona

Wer oft vorbeischaut, sagt nicht mehr «wir gehen in die Johabar», sondern «wir gehen zu Aziz». Und es sind viele, die regelmässig zu Aziz gehen. Oder vielleicht müsste man sagen: gingen. Denn so richtig ist der Betrieb seit dem Lockdown noch nicht angelaufen. Rund achtzig Prozent weniger Umsatz macht Aziz zurzeit. Vergangenen Samstag schloss er eine Stunde früher als sonst. Vor dem Lockdown wäre das nicht passiert. Trotzdem macht Aziz sich nicht allzu grosse Sorgen ums Geschäft. «Das Geld wird schon reichen.» Eher um den Einfluss der Massnahmen auf die Gesellschaft sei er besorgt.

Seit der Wiedereröffnung ist die Besucheranzahl überschaubarer geworden. Sehr unterschiedlich sind die Gäste aber weiterhin. Studierende, Mitarbeitende aus dem Universitätsspital, viele aus der türkischen, kurdischen und albanischen Community, Personen aus der Politik und Touristinnen und Touristen, die gelesen haben, dass es hier das günstigste Bier gibt, treffen sich in der grossräumigen Bar. Susanne und Ruedi Wälchli zum Beispiel besuchen die Bar schon seit der Eröffnung vor 13 Jahren regelmässig. Sie war Hebamme, er Chemiker bei der Novartis; beide haben sich frühpensionieren lassen.

Die Johabar ist für sie ein Ort für Gespräche: «Wenn man nach dem Arbeiten einfach nachhause geht, macht oft jeder sein Ding und man spricht gar nicht richtig miteinander», sagt Susanne Wälchli. Deshalb hat das Paar damals beschlossen, sich nach der Arbeit noch zwei, drei Stunden bei ein paar Bier zu unterhalten oder den Frust am Flipperkasten rauszulassen. Dabei blieben sie meistens unter sich. Auch das ist ein Phänomen der Johabar: Die unterschiedlichen Menschen existieren hier nebeneinander, nicht miteinander. Man wechselt sich am Billardtisch ab, aber keine Studentin setzt sich zu den Backgammonspielern und so bleiben auch Susanne und Ruedi Wälchli meistens im gleichen Teil der Bar, hinter der Glasscheibe, dort, wo man noch rauchen darf. Zu dem Wirt haben sie aber dennoch ein enges Verhältnis. Während des Lockdowns haben sie vor allem die familiäre Atmosphäre vermisst. «Für uns ist Aziz nicht ein Gastgeber, sondern ein Freund», sagt Susanne Wälchli. Als die Türen der Johabar wieder geöffnet wurden, war klar: Zur Begrüssung wird sich umarmt, auch wenn die Coronaabstandsregeln eigentlich etwas anderes vorschreiben.

Mit herzlichen Umarmungen begrüsst der Wirt viele seiner Gäste, manchmal zurückhaltender und manchmal mit viel Kraft. Für manche ist diese Herzlichkeit fast ein bisschen überwältigend. Noch kraftvoller war die Umarmung sicherlich bis vor einem Jahr, als Aziz Ivecen noch doppelt so viel Kilos auf den Rippen hatte. Seit seiner Magenoperation hat er 76 Kilo abgenommen. Früher habe er Mühe gehabt mit der Atmung und der Bewegung, sagt er. Mit Diäten und Sport sei er nicht erfolgreich gewesen. Nun fühle er sich wie ein neuer Mensch.

Ein Traum in ferner Zukunft

Seine Gäste beschreiben Aziz Ivecen als herzlichen Menschen und als sehr guten Billardspieler. Er selbst beschreibt sich als gelassen und entspannt. Billard spielen könne er «schon ganz okay». Ein Multikulti-Ort wie die Johabar ist prädestiniert dafür, Konflikte zu bergen. Viele verschiedene Interessen treffen aufeinander, der günstige Alkohol regt dazu an, viel zu trinken und die Bar schliesst erst sehr spät. Aziz Ivecen selbst kann sich kaum an Ereignisse erinnern, in denen es brenzlig wurde. Seine Gäste allerdings schon. Zum Beispiel an einen Abend im Februar, als auf einmal vierzig Hamburger Fussballfans in die Bar stürmten oder an Abende, an denen die Leute vor der Bar ihre mitgebrachten Getränke getrunken haben. Da würde der Wirt dann schon auch mal wütend und laut werden, erzählt ein Gast.

So ungern er über sein Leben und seine Persönlichkeit berichtet, so gerne erzählt er von seinen Gästen. Spricht man ihn auf einzelne Personen an, beginnen seine Augen zu leuchten. In seinen Erinnerungen sucht er nach den richtigen Namen zu den Geschichten. Und dann gibt es noch ein zweites Thema, das seine Augen zum Strahlen bringt. «Frag ihn nach seinem Traum, mit dem Wohnmobil wegzufahren», sagt Susanne Wälchli. Und tatsächlich erzählt Aziz Ivecen mit Freude von seinem Vorhaben: Irgendwann, in ferner Zukunft, möchte er ganz alleine mit seinem Wohnmobil verreisen. Erst nach Portugal, dann nach Spanien und immer weiter durch Europa.