Selbstversuch
Zu Hause im Gefängnis: Wie lebt es sich mit einer elektronischen Fussfessel?

Strafe oder nicht? Die beiden Basel sind Pioniere in der Fussfessel-Technologie. Doch dass man es ins Programm schafft, muss man zahlreiche Bedingungen erfüllen. Die bz wagt den Selbstversuch.

Moritz Kaufmann
Drucken
Teilen
Ab jetzt gilts ernst. Daniel Beyeler (links) montiert die Fussfessel. Diese darf unter keinen Umständen entfernt werden. Fotos: Nicole Nars-Zimmer

Ab jetzt gilts ernst. Daniel Beyeler (links) montiert die Fussfessel. Diese darf unter keinen Umständen entfernt werden. Fotos: Nicole Nars-Zimmer

Die Zange presst den Verschluss zusammen. Ab jetzt bin ich ausgeliefert. Was aussieht wie ein harmloser Kalorienzähler an meinem linken Fuss, überwacht mich bis nächsten Freitag 24 Stunden am Tag. Wenn ich abends nicht pünktlich zu Hause bin – ich habe einen Toleranzwert von einer Minute – schlägt die Maschine unter meinem Bett Alarm. Ebenso, wenn ich mich an der hochsensiblen Technologie an meinem Fuss oder dem Sender unter meinem Bett zu schaffen mache.

Eingebrockt habe ich mir das selber. Ich habe ein Verkehrsdelikt begangen, fahrlässig Menschen verletzt und wurde zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten verurteilt. Eine Woche tue ich so, als wäre ich ein Sträfling. Ich will herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn man eine elektronische Fussfessel trägt. Wenn ich nicht an der Arbeit bin, darf ich mich nur zu Hause aufhalten. Am Wochenende habe ich fünf Stunden zur freien Verfügung. Kann man mit dem Teil am Fuss duschen? Wie ist es, überwacht zu werden? Und vor allem: Fühlt es sich überhaupt an wie eine Strafe?

Der Mörder trug Fussfessel

Fussfesseln sind umstritten. «Das ist gar keine Strafe», ist ein oft gehörter Vorwurf. «Da laufen gefährliche Straftäter frei rum», ein anderer. Zuletzt kontrovers über das Thema diskutiert wurde vor einem Jahr. Claude Dubois, der die 19-jährige Marie im Kanton Fribourg ermordete, trug bei seiner Tat eine Fussfessel.

Sein Fall war allerdings ein anderer: Er verbüsste den letzten Teil einer langjährigen Gefängnisstrafe zu Hause mit Electronic-Monitoring – sozusagen als Übergang von Gefängnis in die Freiheit. Dubois sass seine Strafe im Kanton Waadt ab. Dieser gehört wie Basel-Stadt und Baselland zu den sieben Pionierkantonen, wo der «elektronisch überwachte Vollzug ausserhalb der Vollzugseinrichtung» – wie es offiziell heisst – möglich ist.

Die Überlegung: Wer ins Gefängnis muss, aber über einen Beruf und ein soziales Umfeld verfügt, soll dort nicht herausgerissen werden. Denn das kostet die Gesellschaft am Ende mehr. Zumal eine Strafe zu Hause den Steuerzahler ohnehin viel weniger kostet als eine Gefängniszelle. Unbedingte Voraussetzung ist aber: Der Täter wird nicht als gefährlich eingestuft.

In Basel gehört SVP-Grossrat Joël Thüring zu den Kritikern der Fussfessel. «In Einzelfällen mag sie sinnvoll sein», sagt er, «doch die Tendenz ist gefährlich.» Thüring findet, dass eine Strafe ihre Wirkung verfehlt, wenn man sie zu Hause verbüssen kann. «Ein Gefängnis fährt ein. Das sind Kosten, die der Staat nun einmal tragen muss.»

Wer im Kanton Basel-Stadt von einem Richter zu einer Freiheitsstrafe von 20 Tagen bis zu einem Jahr verurteilt wird, kann bei den Behörden beantragen, die Strafe als eine Art Hausarrest mit Fussfessel zu verbüssen. Es muss jedoch eine ganze Reihe von gesetzlichen Kriterien erfüllt sein, damit man überhaupt eine Chance bekommt. Der Verurteilte muss unter anderem mindestens einen 50-Prozent-Job oder eine Ausbildung haben, über eine eigene Wohnung verfügen und das Einverständnis des Arbeitgebers oder der Ausbildungsstelle vorweisen.

Ich werde durchleuchtet

Will man statt ins Gefängnis zu gehen eine Fussfessel tragen, wird man von Daniel Beyeler in sein Büro im Basler Vollzugszentrum Klosterfiechten vorgeladen. Er leitet den Electronic-Monitoring-Vollzug in Basel-Stadt und prüft pingelig, ob eine Person die Voraussetzungen erfüllt und ob sie abgesehen davon die Persönlichkeit dazu mitbringt.

Auch mir bleibt dieses Gespräch nicht erspart. Mitbringen muss ich: Arbeitsvertrag, Mietvertrag, Krankenkassenpapiere und Haftpflichtversicherungs-Police – falls die Fussfessel oder der Sender kaputt geht, soll schliesslich nicht der Steuerzahler dafür aufkommen müssen.

Etwa anderthalb Stunden werde ich durchleuchtet: private und berufliche Situation, Gesundheit, Drogenkonsum und so weiter. «Etwa 70 bis 80 Prozent unserer Klienten sind verschuldet», erklärt Beyeler. Ein verlorener Gerichtsprozess inklusive Anwaltskosten und allfälligen Schadenersatz- und sonstigen Zahlungen geht schnell ins Geld. In solchen Fällen schaut Beyeler ganz genau hin. «Wer in seinem Leben noch 20 andere Baustellen hat, eignet er sich nicht für Electronic-Monitoring.»

Nächster Schritt ist die Wohnungsbesichtigung. «Wenn jemand ein zu grosses Chaos zu Hause hat, wird er auch nicht in der Lage sein, unsere Bestimmungen zu erfüllen», erklärt Beyeler. Es gibt aber noch andere Details, worauf er achtet. Zum Beispiel, dass man nicht direkt über einer Beiz wohnt, wohin man fürs Feierabendbier ausweichen kann. Oder dass keine Bodenheizung das Signal stört.

Bei mir zu Hause ist alles in Ordnung. Auch meine Mitbewohner erklären sich per Unterschrift damit einverstanden, dass ich meine Strafe zu Hause verbüssen kann. Das Experiment kann beginnen.

Ab jetzt muss ich mir genau überlegen, wann ich in die Waschküche im vierten Stock gehe, den Briefkasten leere oder den Müll runterbringe. Damit ich meine Einkäufe erledigen kann, hat man in meinen Nachhauseweg vom Büro einen kleinen Zeitbonus eingerechnet. Abends joggen gehen liegt aber nicht mehr drin. An Kino, Konzert oder Barbesuch ist nicht zu denken. Ich bin selbst gespannt, ob das klappt.

Aktuelle Nachrichten