Choreograf

Zu Hause in zwei Welten – in Brooklyn gross geworden und heute tanzt er in Basel

Trotz der täglichen Proben bis tief in die Nacht bleibt Jeremy Nedd entspannt.

Choreograf Jeremy Nedd ist in Brooklyn gross geworden. Heute tanzt er in Basel – und zeigt in der Kaserne sein neustes Stück.

Menschen, die auf der Bühne stehen, wird gemeinhin der stete Drang nach Selbstinszenierung vorgeworfen. Nirgends wäre dieses Vorurteil so falsch wie bei Jeremy Nedd. Dem 34-Jährigen behagt es nicht, für die «Schweiz am Wochenende» fotografisch in Szene gesetzt zu werden. Nicht, dass er sich divenhaft verhalten würde, im Gegenteil: Er macht das Prozedere im Proberaum Klara mit, ohne zu reklamieren. Aber es ist ihm in seiner zuvorkommenden Zurückhaltung sichtlich unangenehm.

Jeremy Nedd ist ein leiser Mann. Vielleicht hat er sich gerade deswegen in den Tanz verliebt, diese Ausdrucksform, die ohne viele Worte auskommt. Seit er sieben Jahre alt ist, tanzt Nedd. In der Grundschule wird der Junge aus Brooklyn von Ballettlehrern der New Yorker Tanzschule Ballet Tech entdeckt. «Offenbar hatte ich die richtigen Voraussetzungen fürs Ballett: etwas Dehnbarkeit und die richtigen Proportionen für Strumpfhosen», scherzt er. Mit elf Jahren beginnt er, Vollzeit zu tanzen. An einer grossen High School für Tänzerinnen und Tänzer, in einer Klasse mit bloss vier anderen Kindern. «Es war cool, Teil dieser kleinen Gruppe zu sein.»

Nach Engagements bei der renommierten Tanzgruppe Hubbard Street 2 in Chicago und dem Atlanta Ballett verschlägt es Nedd nach Europa. «Ich wollte einen neuen Zugang zur Kunst erfahren», sagt er heute. «Ich kannte die New Yorker Szene, dort bin ich künstlerisch gross geworden. Da brauchte ich einfach eine Veränderung.» Er zieht nach Dresden und tanzt im Ballett der Semperoper. Vor sieben Jahren folgt der Schritt ans Theater Basel.

Seither lebt Jeremy Nedd hier. Vier Jahre lang gehört er zum Ballettensemble unter der Leitung von Richard Wherlock, ehe er sich dazu entscheidet, fortan seine eigenen Projekte umzusetzen. In Bern absolviert er den Master in «Expanded Theatre», welcher für die Vermischung verschiedener Genres steht. Es ist der Weg aus der klassischen Tanzszene hinein in die Experimentierfreude der Moderne.

Basler Distanzen als Plus

Auch während des Studiums wohnt Nedd in Basel. Er mag den Rhein, das Basketballfeld vor der Kaserne, wo er hin und wieder Bälle wirft. Manchmal überrascht ihn die Stadt auch. Dann zum Beispiel, wenn eine Fasnachtsclique ein rassistisches Sujet auswählt. «Ich sah es in den Nachrichten. Es war merkwürdig, in einer internationalen Stadt wie Basel plötzlich mit so etwas konfrontiert zu sein.»

Meist aber geniesst er das Leben hier. Die geringen Distanzen haben es ihm angetan. Mehrmals täglich trifft er die gleichen Leute auf der Strasse an. Ein ungewohntes Gefühl für den Mann aus der Grossstadt.

Zwei- bis dreimal im Jahr reist er nach New York, wo seine Familie wohnt. «Je älter ich werde, desto mehr vermisse ich sie.» Ist er wieder einmal zurück in der Heimat, geht er mit der Mutter in die Kirche oder mit seinen Kumpels bowlen. Wen er denn hier in Basel habe, seiner zweiten Heimat? Nedd antwortet ruhig, nachdenklich: «Ich habe viele Freunde hier, die ich von der Arbeit kenne.»

Einer von ihnen ist Armando Braswell, der in Basel das Braswell Arts Center leitet. Die beiden Tänzer waren zusammen in New York auf der High School. Nedds Arbeit inspiriere ihn, sagt Braswell: «Das erste Mal, als ich ein Stück von Jeremy sah, war ich hin und weg. Er hat beim Publikum so viele Emotionen ausgelöst.»

«Ein sinnliches Erlebnis»

Emotionen auslösen, das möchte Jeremy Nedd auch mit seinem neusten Stück «The Ecstatic», für welches er mit sechs südafrikanischen Tänzern arbeitet. Ab diesem Wochenende ist es in der Reithalle der Kaserne zu sehen. Nedd vereint darin südafrikanischen Pantsula-Tanz mit choreografischen Elementen aus christlichen Gottesdiensten. Wer sich Youtube-Videos anschaut, merkt: Pantsula, das sind schnelle, rhythmische Fussbewegungen. Der Choreograf verbindet sie mit der Ästhetik des Praise Break bei Gottesdiensten, wo Gläubige in Ekstase tanzen.

Wissen muss das das Publikum aber nicht. Denn wie so oft im Tanz geht es darum, zu fühlen. «Ich denke, was Tanz speziell macht, ist die Tatsache, dass es ein sinnliches Erlebnis ist», erklärt der Wahlbasler. «Es geht darum, aufzunehmen, zu spüren und dann zu assoziieren.» Bei Jeremy Nedd sollte das ein Leichtes sein. Kollege Braswell jedenfalls schwärmt von dessen Arbeit, die sich durch eine Mischung aus «Humor, guter Musik, leidenschaftlicher Bewegung und ein wenig Sarkasmus» auszeichne.

   

The Ecstatic – Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula. 4.5. bis 8.5. in der Reithalle der Kaserne Basel. www.kaserne-basel.ch

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