«Die Idee, ein komplett neues, regionales Gesundheitszentrum zu bauen, die hatte man auch schon vor zehn Jahren, heute ist es zu spät dafür.» Raoul Furlano, LDP-Grossrat, Kinderarzt und Mitglied der Basler Gesundheitskommission ist nicht begeistert vom Vorpreschen der Chefärzte am Kantonsspital Baselland (KSBL). Diese fordern einen Marschhalt und unter anderem die Prüfung, ob ein Spitalneubau auf der grünen Wiese nicht sinnvoll sei.

«Zu spät» sagt Furlano, auch wenn man unter dem damaligen Basler Gesundheitsdirektor Carlo Conti diese Idee geprüft habe. Nun seien Hunderte von Millionen in den Basler Unispital-Standort geflossen, weitere werden demnächst im Klinikum 2 verbaut. «Da macht ein Gesundheitscampus irgendwo bei Aesch ökonomisch keinen Sinn.»

Für Kaspar Sutter, SP-Grossrat und Mitglied der Gesundheitskommission, ist der Chefarztprotest ein Alarmsignal: «Das zeigt mir, dass die erfolgte Fusion der drei Baselbieter Spitäler zum KSBL weder richtig umgesetzt noch verdaut ist. Da macht es keinen Sinn, nun in eine noch grössere, komplexere Fusion einzutreten.» Diese Ansicht teilt auch Furlano ein Stück weit. Doch beide Grossräte geben zu bedenken: «Die Zeit spielt gegen die Spitalgruppe.» Wolle man die Gruppe realisieren, dann müsse das jetzt geschehen.

Interessant sei aber auch ein anderer Punkt im internen Schreiben der Baselbieter Chefärzte: «Sie stellen klar den Standort Bruderholz infrage. Da frage ich mich schon, weshalb denn die Gesundheitsdirektoren derart an diesem Spitalstandort festhalten und dort mit einem so grossen Angebot planen.»

Zurückhaltend gibt sich momentan noch SP-Präsident Pascal Pfister, gerade weil auch er in der Gesundheitskommission politisiert. Die Vorlage sei hochkomplex, überfordere viele Leute, und man sei parteiintern und in der Kommission mitten im Prozess der Meinungsbildung. Der Brief der Chefärzte sei «sicher nicht hilfreich» als Signal in der aktuellen Lage. Aber unter dem Strich ändere sich durch das Schreiben nichts an der Ausgangslage.

Bestürzung im Baselbiet

Im Baselbiet selbst haben die jüngsten Vorgänge im Kantonsspital wie ein Blitz in die politische Landschaft eingeschlagen. Hatte bereits die Kunde von der sofortigen Freistellung von Dekan und Urologie-Chefarzt Thomas Gasser für Fassungslosigkeit und Unmut gesorgt, stellen die jüngsten Enthüllungen den Zukunftsglauben an das KSBL erst recht auf eine harte Probe. Sie sei aus allen Wolken gefallen, als sie gestern den bz-Bericht über die Chefärzte gelesen hat, sagt Rahel Bänziger, Grünen-Landrätin und Präsidentin der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission (VGK). Grundsätzlich verstehe sie, wenn die geplante Konzentration von Fachbereichen die Baselbieter Chefärzte verunsichere und diese deshalb zu einem solchen Mittel griffen.

Den eigentlichen Beweggründen möchte sie im Rahmen der weiteren Abklärungen in der Gesundheitskommission «vertieft auf den Grund gehen». Hingegen taxiert sie den Vorschlag des Spitalneubaus auf der grünen Wiese als «völlig realitätsfremd». Dessen Finanzierung in wohl dreistelliger Millionenhöhe müsste das KSBL aus eigenen Mitteln bestreiten, was in der jetzigen Situation «schlicht unmöglich» sei.

Bänzigers Vize in der Baselbieter Gesundheitskommission ist der Binninger FDP-Landrat Sven Inäbnit; also ein Vertreter jener Partei, die sich explizit gegen die Spitalfusion gestellt hat. Anders als die grüne VGK-Präsidentin habe ihn der Protestbrief der Chefärzte nicht überrascht.

«Ähnliche Töne habe ich bereits mehrfach bei Gesprächen hinter vorgehaltener Hand vernommen.» Allerdings zweifelt er den Nutzen der Aktion an. «Dieses Outing kommt zu spät, die Spitalleitung wird zum jetzigen Zeitpunkt deswegen sicher nicht zum Plan C greifen», stellt Inäbnit fest. Umso stärker sieht er dafür die Politik in der Pflicht. Die Fraktionen müssten nun alles daransetzen, dass die Bevölkerung beider Basel fristgerecht im Februar 2019 über die Spitalgruppe entscheiden kann. Jede Verzögerung werde die Verunsicherung im KSBL nur noch verstärken.