Selbst an diesem grossen Tag geniesst in Saint-Louis nicht das Feiern oberste Priorität, sondern die Sicherheit. 600 Plätze hat das Forum an der Place d’Europe im Zentrum, hinein darf keine einzige Person mehr – da drückt auch der Security-Typ kein Auge zu. Zehn Minuten vor Anpfiff des WM-Finals ruft er in die Warteschlange: «Fertig hier, sucht euch einen anderen Platz zum Fussball schauen, hier ist voll.»

Eine Gruppe Jugendlicher kann es nicht fassen, ein Mädchen verdrückt eine Träne. Es ist der grösste Match ihres Lebens als Fan, denn als Frankreich zuletzt Weltmeister wurde, da war sie noch nicht geboren. Und jetzt, so kurz vor Spielbeginn, durchkreuzt ein Sicherheitsbeamter ihren Plan, das Spiel mit Hunderten von Gleichgesinnten beim Public Viewing von Saint-Louis zu schauen.

Die Fährte der fussballverrückten Teenager verliert sich hier, doch irgendeine Kneipe werden sie schon gefunden haben, in der sie den Abend miterleben dürfen, an dem ihr Team Geschichte schreibt.

Für all jene, die schon frühzeitig hergepilgert sind, findet er im Forum statt, einem für Schweizer Public-Viewing-Ansprüche eher kargen Örtchen. Statt Fussball- herrscht Kino-Atmosphäre: Die Zuschauer verfolgen den Match in der Dunkelheit auf drei Leinwänden.

Bier wird aus Sicherheitsgründen nicht verkauft. Aber Alkohol sei in Frankreich ohnehin nicht so eng mit Fussball verbunden wie etwa in England oder Deutschland, sagt ein junger Maghrebiner, der in Frankreich aufgewachsen ist. Es scheint irgendwie, als wollten die Franzosen dem grossen Moment die angemessene Ernsthaftigkeit entgegenbringen.

Als ihr Team das 1:0 und später das 2:1 schiesst, brandet zwar Jubel aus – aber nur kurzer, ehe man sich im Forum wieder brav hinsetzt und auf das Kommende konzentriert.
Kaum einer hält sein iPhone in der Hand, lässt sich in den 90 Minuten ablenken. Zum zweiten Mal in der Geschichte sollen die Franzosen heute Weltmeister werden. Da braucht es sie alle.

Letztlich gibts doch ein Bier

So dunkel ist es in der Halle, dass es sich erst zur Halbzeit zeigt, wie durchmischt das Publikum ist. Menschen unterschiedlichster Herkunft treffen sich zur Zigarettenpause, so auch der gebürtige Franzose Frédéric Schenberg und seine Ehefrau Feyhan, Türkin, die seit vierzig Jahren in Saint-Louis lebt – und heute mehr Französin ist als je zuvor.

Schenberg stammt aus Mulhouse und machte einst mit einem gewissen Nestor Subiat die Ausbildung – Subiat wurde dann Fussballprofi und spielte später gar für die Schweizer Nati, Schenberg wurde Produktionsleiter in einer Fabrik und ist eigentlich kein allzu grosser Fussballfan. Der Clubfussball interessiert ihn beispielsweise nur bedingt. Nur einmal alle vier Jahre mutiert er zum Patrioten. «Die Kroaten sind zwar stark», sagt er vor dem Wiederanpfiff. «Doch ein 2:1 drehen sie nicht mehr. Ich bin jetzt ziemlich beruhigt.»

Wie Schenberg denken offenbar auch seine Landsleute: Die Stimmung nach dem Wiederanpfiff ist tatsächlich lockerer, die Anspannung löst sich, es hallen gar Sprechchöre durch das Forum – nach dem 3:1 und 4:1 mit deutlich steigender Kadenz. Und nach dem Schlusspfiff kommt dann tatsächlich etwas auf, das selbst ein englischer Fussballfan als Stimmung bezeichnen würde. Umarmungen, da und dort gar Tränen. «Und jetzt», sagt ein Mann beim Rausgehen, «trinken wir ein Bier.» Sie sind eben doch einfach Fussballfans, die Franzosen.