Der Eingriff dauert zehn Sekunden. Ein Piercer formt aus der Haut zwischen Daumen und Zeigefinger eine Hauttasche, schiebt die dicke Nadel mit Drehbewegungen unter die Haut, zieht die Nadel zurück und stösst gleichzeitig den Chip vorne raus.

Für Tierärzte ein Routine-Eingriff. Hunde und Katzen tragen längst einen Chip unter dem Fell. Die Katzentürchen sind so programmiert, dass sie sich nur von jener Katze öffnen lassen, die auch in die Wohnung gehört.

Sobald es aber darum geht, dieselbe Technik einem Menschen unter die Haut zu pflanzen, macht sich Skepsis breit. Obwohl das Smartphone unser stetiger Begleiter ist. Aber einen Chip implantieren? Auf keinen Fall!

Wie weit kann man gehen?

Dominik Fornezzi, Jana Blöchle und Désirée Meul vom Start-up RFID-Choreografies haben an der Technologiemesse Ineltec in Basel einen Stand, an dem sie diese Technik den Besuchern näherbringen möchten.

Wie ein wertvolles Schmuckstück liegt der Reiskorn-grosse Chip auf dem weissen Kissen in der Schatulle. Auf der Leinwand können Besucher mitverfolgen, wie der Chip unter die Haut kommt. «Wir wollen hier Grenzen ausloten», sagt Dominik Fornezzi. Es gehe nicht darum, möglichst vielen Besuchern einen Chip einzupflanzen. Vielmehr möchten sie über den Austausch am Messestand verstehen, wie Menschen über die Verkopplung von Mensch und Technik denken. Denn obwohl RFID-Choreographies ein reales Start-up ist, verstehen sich Blöchle und Fornezzi auch als Performance-Künstler. Der Messeauftritt und die Begegnungen mit dem Publikum sind Teil dieser Performance.

Fornezzi selbst hat seit einigen Monaten einen RFID-Chip unter der Haut. RFID steht für Radio Frequency Identification. Auf jedem Chip ist eine Nummer gespeichert, die es nur einmal gibt. Über Funk kann sie ausgelesen werden; und weil es die Nummer kein zweites Mal gibt, kann man sich über den Chip identifizieren. Der Chip in biometrischen Pässen funktioniert gleich. Fornezzi kann mit dem Chip seine Wohnungstüre oder sein Auto öffnen, indem er die Hand an die Türe hält. Die Schlösser müssen entsprechend programmierbar sein, damit der Chip wie ein Badge funktioniert. «Ich habe mir den Chip implantieren lassen, um zu verstehen, was ich mache, um zu spüren, wie sich Organisches und Nichtorganisches verbindet.»

Die Besucher beim Stand realisieren rasch, dass dieses «Reiskorn» in der Vitrine ein Chip ist, der unter die Haut geht. In ihren Augen spiegelt sich eine Mischung aus Faszination und Unbehagen. Ungläubig blicken sie Dominik Fornezzi an, wenn er ihnen sagt, dass er einen solchen Chip implantiert hat. «Fassen Sie ruhig an, wenn Sie möchten», fordert er die Besucher auf. Sie fahren über die Stelle an seiner Hand, spüren, dass da etwas ist und verziehen angewidert das Gesicht. Sie fragen nach den Schmerzen. Die seien vergleichbar mit einem Bienenstich und weniger schmerzhaft als erwartet.

Totale Überwachung?

Die Besucher sorgen sich aber auch um ihre Daten; befürchten, dass sie durch den Chip überwachbar wären oder gehackt werden könnten. Bedenken, die Fornezzi relativiert: «Der Chip sendet keine GPS-Daten. Es hängt von mir ab, wo er funktioniert und welche Daten darauf gespeichert sind.» Ein RFID-Chip sei auch kein Datenspeicher unter der Haut. Der Speicherplatz betrage nur 868 Bytes.

Beim Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten EDÖB heisst es auf Anfrage, dass man nie sagen könne, eine Technologie könne nicht gehackt werden. «Unter Umständen kann ein Chip ausgelesen werden, ohne dass man es merkt», sagt Mediensprecherin Silvia Böhlen. Deshalb sei wichtig, dass jeder gut überlege, ob er einen solchen Chip möchte, und welche Informationen er darauf speichern will. Am Messestand bleiben die Besucher skeptisch. Diejenigen, die das Experiment am eigenen Körper wagen möchten, haben am Donnerstagnachmittag Gelegenheit. Der Zürcher Piercer Deady Lee implantiert dann Interessierten am Messestand zum Spezialpreis von 60 statt 160 Franken einen Chip.