Ein 53-jähriger Arbeitsloser aus Basel hat am Dienstag gleich in zwei Medien harte Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Wie er gegenüber «Blick» und «Primenews» sagte, habe ihn das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) nach Deutschland zum Arbeiten geschickt. «Dieses System ist doch krank», wird er zitiert. Als Beweis streckt er ein ausgedrucktes E-Mail in die Kamera, das auf einen Informationsanlass im regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) hinweist.

AWA-Leiterin Nicole Hostettler bestätigt, dass eine Informationsveranstaltung im Rahmen der bestehenden grenzüberschreitenden Zusammenarbeit stattfindet. Das Format sei erprobt, finde jedoch seit langem wieder einmal in der Schweiz statt. Insofern könne man von einem Pilotversuch sprechen, um das reale Interesse besser einschätzen zu können. Sie sagt auch, dass einige ältere Arbeitslose gezielt eingeladen worden seien. «Der Anlass ist jedoch absolut freiwillig und die Einladung wurde auch nur an jene Arbeitssuchenden verschickt, die bei der Anmeldung im RAV ein entsprechendes Interesse bekundet hatten.»

Interesse sei eine Tatsache

Dass Interesse an einem solchen Anlass bestehe, sei eine Tatsache. «Wir stellen fest, dass sich immer mehr Stellensuchende aus der Schweiz am europäischen Arbeitsmarkt interessieren. Das trifft einerseits auf junge Personen zu, welche Auslanderfahrung sammeln wollen, andererseits auf Personen, die seit längerem auf Stellensuche sind und ihren Suchhorizont erweitern wollen. Für die kann das grenznahe Ausland durchaus eine Option sein, um wieder Tritt zu fassen in der Arbeitswelt.»

downloadDownloadpdf - 504 kB

Auf dem Informationsflyer werden denn auch diverse Vorteile fürs Arbeiten ennet der Grenze aufgeführt: tiefe Arbeitslosigkeit, gute Sozialleistungen, kürzere Wochenarbeitszeit und die Tatsache, dass der Arbeitnehmer bei erneuter Arbeitslosigkeit weiterhin Anspruch auf Entschädigung in der Schweiz hat.

Dass die Wirtschaft im grenznahen Deutschland brummt, zeigt ein Blick auf die Statistik. So ist die Arbeitslosenquote im Landkreis Lörrach seit 2015 jeweils um einige Promille tiefer als in Basel-Stadt. Dazu trägt auch die Schweiz als attraktiver Arbeitsort für deutsche Grenzgänger bei. Gemäss dem Portal zur beruflichen Mobilität (Eures) pendeln rund 10'700 Arbeitnehmer aus dem Landkreis Lörrach nach Basel-Stadt, aus ganz Deutschland sind es 16'000. Wie viele den umgekehrten Arbeitsweg auf sich nehmen, wird nicht exakt erhoben.

Grosse Differenz

Das Statistische Amt Basel-Stadt verfügt lediglich über hochgerechnete Befragungsdaten. Im Fünf-Jahres-Schnitt dürften es rund 370 Personen sein, die nach Deutschland pendeln. AWA-Leiterin Hostettler erklärt diese grosse Differenz mit dem fehlenden Bewusstsein dafür, dass auch Schweizer Stellensuchenden der ganze europäische Arbeitsmarkt offenstehe.

«Zudem dürfen RAV-Berater von Gesetzes wegen keine direkte aktive Vermittlung nach Deutschland vornehmen oder die Stellensuchenden zur Annahme einer Stelle im Ausland verpflichten. Dies anders als innerhalb der Schweiz, wo die Nichtannahme einer zumutbaren Stelle sanktioniert werden kann.» Informationen zu vermitteln sei hingegen erlaubt und liege im Interesse vieler Stellensuchender – und genau darum gehe es am Anlass.

Etwas Gutes hatte die mediale Empörung des Basler Arbeitslosen also: Der Bekanntheitsgrad der Veranstaltung hat quasi über Nacht schlagartig zugenommen. Hostettler sagt, dass bereits vor den Berichten Anmeldungen eingegangen waren, gestern jedoch etliche neue dazugekommen seien.