Zum Zustand der Stadt Basel
Tiefe Gräben sind die Normalität

Traditionalismus und Expat-Kultur hier, Bedürftige und Reiche dort - Basel ist eine Stadt der Extreme. Auch in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
Drucken
Teilen
Offensichtlicher Gräben: Basler Bedürftige vor dem Caritas-Laden.

Offensichtlicher Gräben: Basler Bedürftige vor dem Caritas-Laden.

Bild: Roland Schmid
(21. April 2021)

Er war ein Tag der Extreme für mich, der vergangene Donnerstag. Am späten Nachmittag noch hatte ich mir im Münster die Lobreden auf den kürzlich verstorbenen alt Ständerat Carl Miville angehört. Sie kamen einer Zeitreise ins weit entfernte 20. Jahrhundert gleich, als «links» und «rechts» noch gültige politische Positionierungen waren, und wurden in einem Baseldeutsch vorgetragen, dessen Reinheitsgrad auf der Strasse kaum je anzutreffen war und für viele einem konservativen Wunschbild entsprach.

Am Abend sass ich dann bei einem Bier in der «Cargo Bar» bei der Johanniterbrücke. Über mir klimpert das Besteck, mit welchem die Gäste auf der Terrasse des noblen «Donati» hantierten. Hier, auf der Strasse vor der Bar, ist zunächst weit und breit kein Baseldeutsch zu hören. Junge Menschen, stilvoll sommerlich gekleidet, sprechen die Sprachen der Stadt im 21. Jahrhundert: Englisch, Hochdeutsch, hie und da Italienisch oder Spanisch. Es sind Grafiker, Architekten, junge Kreative. Da tauchen plötzlich zwei Mitglieder einer Studentenverbindung in Vollmontur auf und bestellen einen Drink. Die Barkeeperin versteht sie nicht, sie bittet um die Bestellung auf Englisch, was die beiden jungen Herren schliesslich tun.

Jetzt würde ich hier gerne eine Umfrage lancieren und fragen, wem der Name Carl Miville etwas sagt. Oder, um es etwas einfacher zu machen, wer einen aktuellen Basler Regierungsrat oder eine Regierungsrätin nennen kann. Das Resultat ist vorhersehbar, es würde gegen Null tendieren. Die Spaltung des Basler Orbits in jene, die über die lokale Politik Bescheid wissen und jenen, die keine Ahnung haben (wollen), hat jedenfalls in diesen Hoch-Zeiten der Expats nichts mit dem Grad der Bildung zu tun.

Basel: Auch im Bezug auf Geld eine Stadt der Extreme

Nun setzt allmählich die Dunkelheit ein. Von dieser Stelle am Rheinufer sieht man sehr gut auf die beiden Hauptsitze von Novartis und Roche. Es wäre interessant zu wissen, was der konservative Sozialpolitiker Miville dazu gesagt hat, dass unter der Ägide seiner sozialdemokratischen Parteifreunde die Stadt, wie diese Zeitung es am Samstag beschrieb, in den vergangenen Jahren zu einer Steueroase für Firmen geworden ist? Ist dies die Voraussetzung oder der Preis für eine ökonomisch erfolgreiche Stadt? Oder beides?

Die neueste Steuerstatistik des Kantons jedenfalls verrät viel über die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Ein grosser Graben auch hier, wie zwischen dem Publikum im Münster bei Mivilles Abdankung und den jungen Expats am Rhein. Ein Viertel der Veranlagten (25,2 Prozent) bezahlte 2018 keine Einkommenssteuer. Ein weiteres Viertel (24,6) wurde mit unter 25'000 Franken Einkommen veranlagt. Interessant ist, was meine Nachfrage beim Statistischen Amt über die längerfristige Entwicklung ergeben hat: 2009, also zu Beginn dieses wirtschaftlich so erfolgreichen Jahrzehnts, lagen diese Werte mit 23,9 und 28,5 Prozent nicht wesentlich anders. Nur bei den obersten zwei Kategorien, also über 100'000 und über 200'000 Franken Einkommen, stiegen die Zahlen in dieser Zeit prozentual und vor allem absolut merklich an.

Ja, Basel ist im Bezug auf Geld eine Stadt der Extreme. Das hat der linke Soziologe Ueli Mäder schon vor Jahren konstatiert. Daran geändert hat sich bis heute kaum etwas. Nur, dass eben mehr Geld als früher vorhanden ist, um diese Gräben zu kaschieren und das Leben für viele erträglicher zu machen. Zum Beispiel in der knapp noch rechtzeitigen Erkenntnis, dass Wohnen bezahlbar sein muss. Fortschritt innerhalb des Status Quo der Vermögensgräben - ein Basler Paradox, das sich auch in den nächsten Jahren kaum auflösen dürfte.

Glückliches Basel – oder doch nicht?

Vor diesem Hintergrund kann man sich hier Genügsamkeit leisten und sich über Baumfällungen aufregen, selbst wenn sie im Sinne der behindertengerechten Stadt vollzogen werden. Die Proteste zeigen Wirkung, die Politik kuscht: Das Baudepartement lässt ein paar Bäume für viel Geld am Leben und informiert künftig womöglich über die Fällung jedes einzelnen Baumes auf den überschaubaren 37 kantonalen Quadratkilometern. Glückliches Basel!

Oder doch nicht so glücklich? Die Minderung der Strafe für einen verurteilten Vergewaltiger hat gezeigt, womit sich heutzutage politisch neben dem Baumschutz noch mobilisieren lässt: Mit Gender- und Identitätspolitik. Auf eine semantisch bedenklich einfache, ja dümmliche Urteilsbegründung folgten demokratiepolitische ebenso bedenkliche und unreflektierte Proteste gegen die dritte Gewalt im Staat. Ein Novum, das allen zu denken geben sollte, weil es an den Grundfesten unserer Verfassung rüttelt.

Beim letzten Bier an diesem lauen Sommerabend am Rhein schweifen meine Gedanken zurück zur Abdankung von Carl Miville. Nichts war früher besser in dieser Stadt, aber es war immerhin alles ein bisschen überschaubarer.

Aktuelle Nachrichten