Analyse

Zur letzten Spielzeit der Ära Beck am Theater Basel: Ein süss-saurer Abschied

Andreas Beck (stehend) präsentierte am Dienstag zusammen mit seinen Spartenleitern das Programm seiner letzten Spielzeit.

Andreas Beck (stehend) präsentierte am Dienstag zusammen mit seinen Spartenleitern das Programm seiner letzten Spielzeit.

Welch ein Schauspielfest! In «Die drei Musketiere» sind vier Ensemblemitglieder des Theater Basel in Höchstform zu erleben. Es ist mitreissend, wie sich Nicola Mastroberardino, Michael Wächter, Elias Eilinghoff und Vincent Glander auf der Kleinen Bühne ins Zeug legen. Leider aber nicht mehr lange.

Denn in der Ensembleliste des Basler Theaterspielplans 2019/2020, der am Dienstag vorgestellt wurde, tauchen diese Namen nicht mehr auf. 15 Schauspielerinnen und Schauspieler, die man in den vergangenen vier Spielzeiten lieb gewonnen hat, fehlen. Darunter nicht nur die «Musketiere», sondern unter anderem auch Pia Händler, die aktuell im Schiller-Stück «Die Räuber» begeistert. Die meisten des aktuellen Ensembles werden im Sommer mit Direktor Andreas Beck nach München ziehen.

Abschied nehmen

So heisst es also in den nächsten Monaten, Abschied zu nehmen. Abschied von einer Theater-Ära, die Grosses bewirkt und hinterlassen hat. Ja, die gar stilbildend war im deutschsprachigen Raum, was man nicht zuletzt aus den vielen internationalen Auszeichnungen und Festivaleinladungen herauslesen kann. Der Titel des «Theater des Jahres» oder gleich zwei Einladungen aufs mal ans Berliner Theatertreffen 2019 sind nur die aktuellsten darunter.

Auch wenn die Zeichen auf Abschied stehen und ein Grossteil des Schauspielensembles temporär ersetzt werden muss, sagt Andreas Beck: «Ich bin stolz auf die letzte Spielzeit.» Es sei noch ganz seine und jene seines Teams. «Schreiben Sie ja nicht, dass es sich um eine Interims-Spielzeit handelt, das ist sie nicht!»

Nun ja. Was das Schauspielensemble betrifft, ist sie das sehr wohl. Was das Programm angeht, muss man Beck aber Recht geben. Er ist sich, seiner inhaltlichen und ästhetischen Ausrichtung treu geblieben – kompromisslos und gänzlich ohne Ansinnen, die Ära nun irgendwie ausplempern zu lassen. Die von ihm beschworene «Basler Dramaturgie» setzt sich fort.

Auf die Neugierde des Publikums

Es ist ein Spielplan, der nach wie vor nicht auf sichere Stadttheaterwerte setzt: Zehn Uraufführungen stehen auf dem Programm der drei Sparten. Sechs davon sind Auftragsarbeiten. Dazu kommen zwei Schweizer Erstaufführungen. So etwas schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel.

Und Beck vertraut auf die Neugierde des Basler Publikums, die er in den vergangenen Jahren wachgerüttelt hat. Im Schauspiel etwa steht mit Tschechows «Der Kirschgarten» gerade mal ein zugkräftiger Klassiker-Titel auf dem Programm – als letzte Schauspielproduktion Ende April. Daneben gibt es viel Neues, mehrere Romanadaptionen und selten gespielte Stücke von bekannten Dramatikern wie Max Frisch («Graf Öderland») oder Calderon de la Barca («Der standhafte Prinz»).

«Der standhafte Prinz», noch nie gehört von diesem Stück? Da sind Sie nicht allein. Das gilt vielleicht auch für den Namen des Regisseurs, Michał Borczuch. Der junge Pole startet gerade an grossen deutschen Schauspielhäusern durch.

Der Name des Regisseurs von «Graf Öderland» – übrigens eine von zwei Koproduktionen mit Becks neuem Haus, dem Residenztheater München – ist da schon viel vertrauter: Stefan Bachmann, einst Basler Schauspielchef, der vor zwei Jahren mit seinem «Tell» in Basel ein
fulminantes und ausgesprochen erfolgreiches Comeback erlebt hat.

Er kehrt nicht mehr zurück

Und wenn wir gerade bei den guten alten Namen sind: Nein, der in der Ära Beck über alles geliebte und gefeierte Regisseur Simon Stone kehrt nicht mehr zurück. Aber mit Ulrich Rasche kommt einer wieder, der mit seinem «Woyzeck»-Maschinentheater in jüngerer Vergangenheit ebenfalls für Furore gesorgt hatte. Und auch Barbara Frey wird in Basel, der Stätte ihrer ersten Theaterarbeiten, tätig sein. In diesen Wochen läuft ihre zehnjährige Direktionszeit am Zürcher Schauspielhaus aus.

Beide werden indes nicht im Schauspiel tätig sein, sondern in der Oper: Frey macht sich an Mozarts «Le nozze di Figaro», und Rasche wird mit Benjamin Brittens «Peter Grimes» seine erste Oper überhaupt inszenieren. Auch Thom Luz, Hausregisseur und Spezialist für theatrale Zwischenwelten, wechselt die Sparte. Er wird mit «Le vin herbé» von Frank Martin sein erstes durchkomponiertes Musiktheater inszenieren.

Im Schauspielprogramm fallen zwei wohlklingende Autoren-Namen auf:

Sibylle Berg schreibt als Auftragswerk eine Fortsetzung der antiken Antikriegskomödie «Lysistrata» von Aristophanes. Das klingt vielversprechend. Und Lukas Bärfuss dramatisiert Stendhals Roman «Rot und Schwarz».

In der Oper finden sich mit Mozarts «Figaro», Rossinis «Il barbiere di Siviglia» und Puccinis «La bohème» zwar auch Quotenrenner, «echte Klopfer», wie Beck sich ausdrückt. Mit dem Saisonauftakt am 14. September zeigt man aber Mut, steht doch ein ganz anders geartetes Werk auf dem Spielplan: das wuchtige, szenische Revolutions-Oratorium «Al gran sole carico d’amore» von Luigi Nono – ein Meilenstein der Neuen Musik, eine Schweizer Erstaufführung.

Andreas Beck wird die Glückwünsche und Gratulationen des Publikums in der kommenden Saison nicht mehr oder nur noch vereinzelt persönlich entgegennehmen. Er wird ein Jahr vor seinem eigentlichen Vertragsende in Basel bereits vollen Einsatz in München zeigen – wo man sich, wie zu vernehmen ist, sehr auf ihn und sein Ensemble freut.

Das stärkere Haus hat nun mal das Sagen

Dem vorzeitig scheidenden Chef nun daraus einen Strick zu drehen, ist aber nicht angebracht. Denn Basel geht denselben Weg. Auch Becks designierter Nachfolger Benedikt von Peter wird ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags das Luzerner Theater verlassen, um in Basel anzutreten.

Das stärkere Haus hat nun mal das Sagen. Und das Theater Basel ist stark. Man kann nur hoffen, dass es dies auch ab 2020 bleiben wird. Dann werden wir von Peters konsequent spartenübergreifendes Theater erleben. Was er im kleinen Luzern zeigt, ist vielversprechend.

Aber noch ist es nicht soweit, noch läuft die Ära Beck. Statt sich zu grämen, freuen wir uns auf das, was noch kommt. Und sind dann ein wenig traurig, wenn es wirklich zu Ende sein wird.

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