Stadtentwicklung
Zustände wie im Schlaraffenland für Basler Architektur

Die architektonische Qualität Basels geht Hand in Hand mit einer gewissen Trägheit. So liest man es zumindest in der Architektur Zeitschrift «Werk, Bauen + Wohnen», die ihre aktuelle Ausgabe Basel widmet

Peter Schenk
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Der Roche-Turm ist in Basel allgegenwärtig, im Vordergrund der Erweiterungsbau des Kunstmuseums.

Der Roche-Turm ist in Basel allgegenwärtig, im Vordergrund der Erweiterungsbau des Kunstmuseums.

Die Erweiterung des Kunstmuseums kommt als «Trojanisches Pferd» daher, die «Diskursträgheit» Basels ist als «Gewöhnung an einen «Schlaraffenlandähnlichen Zustand zu erklären» und während die riesigen Projekte der Pharma ohne Probleme umgesetzt werden, kämpfen öffentliche Bauvorhaben oft gegen erhebliche Widerstände.

Die Aussagen haben es in sich. Die renommierte Architektur-Zeitschrift «Werk, Bauen + Wohnen» widmet ihre aktuelle Ausgabe Basel und seiner Stadtentwicklung und das ist alles andere als langweilig. Während die Redaktion im Vorwort feststellt: «Qualität muss ein Basler Wort sein», drückt sie sich gleichzeitig um ein Urteil in der Frage: «Ist er nun gut für Basel, dieser Roche-Turm, oder hat er die kleinstädtische Szenerie verschandelt?

Hefte zu europäischen Städten

Die Zeitschrift besteht seit 1914, erscheint zehn Mal im Jahr und ist das Organ des Bundes Schweizer Architekten (BSA). Die Redaktion befindet sich in Zürich und die Auflage beträgt 6800 Exemplare. Publiziert werden regelmässig Hefte zu europäischen Städten; dieses Jahr schon eines zu Antwerpen.

Vorgestellt wurde die neue Ausgabe zu Basel, begleitet von einer Podiumsdiskussion, am Mittwoch im Basler Union. Zu gleicher Zeit liefen ähnliche Veranstaltungen im Dreispitz und im Ackermannshof. Wer soll da überall hingehen? Wir haben uns auf die ausgesprochen umfassende und auch kritische Darstellung Basels der Zeitschrift beschränkt. Diese mag auch ästhetisch mit vielen ausgezeichneten Fotos gefallen: Der Berner Fotograf Thomas Aemmer hat die Stadt Basel in Szene gesetzt – mit der Konstante des Roche-Turms als Landmarke des Pharmariesens.

Gegen Ausstellungskonvention

«Man wehrt sich dort, wo man es eben kann»

Herr Schärer, Roche und Novartis haben in Basel ihre grossen Projekte immer ohne grossen Widerstand durchbekommen. Ist das normal für die Schweiz?


Caspar Schärer: Die grosse Bedeutung der Pharma im Kanton Basel-Stadt ist aus meiner Sicht schon bemerkenswert. In Zürich zum Beispiel sind die Banken und Versicherungen zwar auch mächtig, aber durchdringen nicht alles so stark wie Roche und Novartis in Basel. Mir ist keine andere Schweizer Grossstadt bekannt, die in dieser Hinsicht mit Basel vergleichbar wäre.


Gegen Projekte des Kantons aber gibt es erheblichen Widerstand. Warum?


Wenn man sich schon nicht gegen die Pharma wehren kann, macht man es dort, wo man kann – eben gegen den Kanton. Ausserdem sind die öffentlichen Projekte immer eminent politisch, weil es ja um öffentliche Gelder geht.


Der Novartis Campus kommt in Ihrem Heft kaum vor. Warum?


Das ist uns bewusst. Wir haben schon über einzelne Gebäude auf dem Campus berichtet und das Gesamtkonzept ist keine Neuigkeit mehr. Da erschien uns die Rheinuferpromenade neben dem Hochhaus von Herzog & de Meuron wichtiger.

Caspar Schärer (42) stammt aus Rheinfelden und arbeitet seit acht Jahren als Redaktor für die Zeitschrift «Werk, Bauen + Wohnen».

Die Erweiterung des Kunstmuseums nimmt die «Herausforderung» des Kampfes gegen sämtliche aktuelle Ausstellungskonventionen an; daher die Definition als «Trojanisches Pferd». Genauer: «Christ & Gantenbein vermochten der Nostalgiefalle auszuweichen, indem sie vielen Elementen des Altbaus neu eine starke Präsenz gaben.»

Drei grosse Player für den Städtebau gibt es in der Stadt: die Pharmakonzerne, den Staat und die Stiftungen. Und während die Anordnung des Novartis Campus wie die beiden Vorlagen zum Roche-Areal ohne namhaften Widerspruch gutgeheissen werden, sieht dies ganz anders aus bei den Standrandentwicklungen Ost und Süd oder der Bebauung des Landhofareals.

Durchaus kritisch wird die städtebauliche Entwicklung des Kantons um den Voltaplatz bewertet. Auch beim Dreispitz harzt es, denn die städtebauliche Strategie von Herzog & de Meuron mit dem Ziel einer bunten Mischung an Nutzungen liess sich nicht umsetzen: «Inzwischen zeigt sich, dass die realen Bedürfnisse der unterschiedlichen Anspruchsgruppen keineswegs harmonisch zu einander passen.»

Roche-Turm wie Kreuzfahrtschiff

Viele Logistikunternehmen auf dem Dreispitz haben zudem Baurechtsverträge bis ins Jahr 2053. Trotzdem hat sich das Zentrum des Freilagers rund um den Campus der Künste rasant entwickelt, lautet das schliesslich doch positive Resümee.

Während dem Roche Bau 1 ein ganzes Kapitel gewidmet ist, fehlt der Novartis Campus in der umfassenden Darstellung so gut wie ganz. Zu Roche heisst es: «Die ungewohnten Dimensionen hatten schon – und gerade – während der Bauzeit etwas Unerhörtes, geradezu Monströses. Ein wenig, wie die riesigen Kreuzfahrtschiffe in die engen Gassen von Venedig ragen.» Da fehlt auch nicht der Hinweis, dass der Kanton mit einer Rechnung von rund 4 Milliarden Franken gegenüber Roche (der Jahresumsatz lag 2014 bei 47,5 Milliarden Franken) ein Zwerg ist.

Kleinere Projekte wie Umbau und Aufstockung in Birmannsgasse, Sempacherstrasse und Mörsbergerstrasse werden ebenso sorgfältig und liebevoll dargestellt wie der Life Sciences Campus Schällemätteli oder Stadtentwicklungsprojekte wie Klybeckplus oder 3-Land. In einem ausführlichen Interview mit Lörrachs ehemaliger Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm fehlt auch nicht der Blick über die in Basel allgegenwärtigen Grenzen, die zu einem gar nicht als negativ bewerteten «Slow Planning» führen.

«Werk, Bauen + Wohnen», 9, 2016, Fr. 27.– z. B. bei Domus, Basel, Pfluggässlein 3.