Die Mitteilung der Behörden liefert das Protokoll des Zwischenfalls, und es liest sich bedrohlich. «Insgesamt 75 Feuerwehrleute waren zunächst im Einsatz», heisst es, dazu 24 Bundespolizisten, «alle Zugänge und Zufahrten des Gefahrenbereiches» wurden geschlossen, eine Sperrzone errichtet. Grund dafür: Am Donnerstagabend trat im Rangierbahnhof Weil am Rhein unweit der Schweizer Grenze von einem verladenen Container eine giftige Chemikalie aus. Dichlorbenzen heisst der Stoff, eine Flüssigkeit mit stechendem Geruch, biologisch schwer abbaubar und insbesondere für Wasserorganismen gefährlich. Beim Menschen reizt es Haut und Augen, jüngere Untersuchungen halten es für krebserregend. Der Zug hatte das schweizerische Monthey zum Ziel.

Ein Rangiermeister hatte den Gestank bemerkt und gemeldet. Die Einsatzkräfte konnten dann feststellen, dass der Gefahrstoff ausgetreten und vom Regen über den Container gespült wurde. Die Bundespolizei nahm den Container für weitere Untersuchungen mit. Es ist bereits das zweite Mal innert kurzer Frist, dass sie das tun muss: Am 18. Dezember vergangenen Jahres beschlagnahmte sie einen undichten Kesselwagen, aus dem Methylmethacrylat troff.

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Post für die Deutsche Bahn

Diese beiden Vorfälle haben ennet der Grenze eine alte Diskussion neu aufflammen lassen. In mehreren Berichten debattieren seither Medien wie die «Badische Zeitung» oder auch der «SWR» über die Sicherheit um Gefahrentransporte. Der Weiler Oberbürgermeister Wolfgang Dietz – in der Unglücksnacht selber vor Ort – verschaffte seinem Ärger in einem offenen Brief an die Deutsche Bahn Luft. Diese sagte bislang noch gar nichts, auch eine Anfrage der bz blieb unbeantwortet. Vier Kritikpunkte listete Dietz auf: kein Havariebecken, kein Hydrant, keine Ansprechstelle für die Kostenübernahme, kein Krisenmanagement. Auch der südbadische Bundestagsabgeordnete Christoph Hoffmann (FDP) verfasste einen Brief und sprach von «offensichtlichen Sicherheitslücken im Management der Gefahrgüter und deren Umschlag auf den Strecken der Deutschen Bahn».

Durchaus Themen, die für die Schweizer Behörden eine Rolle spielen. Schliesslich musste auch die Industriefeuerwehr der Region Basel mit ihren speziellen Messgeräten ausrücken, Schweizer Grenzwächter waren betroffen, und die Strecke zwischen Efringen-Kirchen und dem Badischen Bahnhof war gesperrt. Wegen der grossen Tragweite der Situation verschickten die deutschen Behörden eine sogenannte Trinat-Meldung, informierten also sofort auch ihre Kollegen in Frankreich und der Schweiz.

Wie oft dies der Fall ist, war beim zuständigen Sicherheitsdepartement bis gestern zum Redaktionsschluss nicht in Erfahrung zu bringen.

Speziell in Basel ist die Situation bezüglich deutscher Gefahrentransporte ohnehin angespannt. Zumal diese bis 2030 noch deutlich zunehmen werden, spätestens mit Aus- und Neubau der Strecke Karlsruhe–Basel. Dagegen hat der Kanton 2016 beim Bund Einsprache erhoben. «Unsere Einsprache beruht darauf, dass die Prognose im Badischen Bahnhof nicht akzeptable Risiken beim Gefahrguttransport ausweist», sagte Anne Tschudin, Sprecherin des Basler Gesundheitsdepartements, gestern auf Anfrage. Das Verfahren ist noch offen, und der Entscheid der Bundesbehörden steht noch aus, danach bleibt die Möglichkeit zum Rekurs. Für den Kanton ist indes klar: «Wir beurteilen die derzeit vorgesehenen Massnahmen zur Risikoreduktion als ungenügend.»

Bund nimmt es locker

Der Bund sieht das hingegen entspannter. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) sehe «keine neuen Erkenntnisse» seit einem Monitoring im Jahr 2016. Damit bleibe das Risiko in etwa konstant, schreibt Sprecher Gregor Saladin. «Die erwähnten Vorfälle ereigneten sich offenbar im Rangierbahnhof Weil. Dabei spielte die Geschwindigkeit keine Rolle. Zudem unterliegt die Störfallvorsorge dem Territorialprinzip, das heisst, für die Sicherheit auf deutschem Boden sind grundsätzlich die deutschen Behörden verantwortlich.»